Herren

Interview mit Jens Martens

Zum zweiten Mal in diesem Jahr muss der Fußballbetrieb corona-bedingt für mehrere Wochen ungewollt aussetzen. Die Pause haben wir genutzt, um mit unserem Trainer Jens Martens über den bisherigen Saisonverlauf zu sprechen und nach vorne zu schauen.

EN: „Ihr wolltet das Spiel gegen den Heider SV sehr gerne noch bestreiten, um Euch für die Niederlage gegen die U23 des FC St. Pauli zu rehabilitieren. Jetzt geht es mit einer Niederlage im Gepäck in die Zwangspause.“

JM: „Das ist leider so. Aber es nützt ja nichts, wir müssen das Beste aus der Situation machen.“

EN: „Nach der Niederlage gegen St. Pauli war das Trainerteam ziemlich angefressen.“

JM: „Es war ganz sicher kein gutes Spiel von uns, wir waren nach dem Spiel auch ziemlich sauer. In der Analyse sind Femi und ich aber unabhängig voneinander zum selben Ergebnis gekommen: Nach mehreren Wochen, in denen uns nur 13, 14 gesunde Feldspieler zur Verfügung standen, waren die Jungs psychisch und physisch einfach platt. Das haben uns die Spieler dann auch bestätigt.”

EN: „Das ist nicht überraschend nach der schwierigen Vorbereitung mit den Pokalspielen, DFB-Pokal, englischen Wochen, drei Spielen die in Unterzahl beendet werden mussten und dem sehr ausgedünnten Kader.”

JM: „Deswegen haben wir den Spielern letzte Woche auch frei gegeben, damit sie den Kopf frei bekommen und sich etwas erholen können. Lediglich Behandlungstermine mussten wahr genommen werden. Für diese Woche haben die Spieler alle auf Basis der Leistungstests vor der Saison individuelle Laufpläne bekommen, müssen fünf Mal laufen gehen. Die Ergebnisse werden in der App “runtastic” dokumentiert und ans Trainerteam übermittelt.”

EN: “Wie geht es nach dieser Woche weiter?”

JM: “Das wissen wir jetzt noch nicht. Momentan gibt es zwei Optionen: Entweder wir können ab Anfang Dezember wieder trainieren und dann am 19.12. noch ein Spiel vor Weihnachten bestreiten. Oder wir spielen dieses Jahr gar nicht mehr. Ich denke, dass wir am Wochenende mehr wissen werden. Von daher werden wir als Trainerteam bis Samstag abwarten. Wenn sich heraus kristallisiert, dass im Dezember gespielt werden kann, werden wir die Trainingsmaßnahmen dann wieder intensivieren, ansonsten werden wir abtrainieren.”

EN: „Im ersten Lockdown habt ihr Athletiktraining per Videokonferenz gemacht. Das ist bei allen Beteiligten sehr gut angekommen, zumal es zumindest ein wenig das „Mannschafts-Gefühl“ am Leben hält. Ist das wieder geplant“?

JM: „In dieser Woche noch nicht. Wenn wir das Training wieder intensivieren, ist das auf jeden Fall eine Option.”

EN: “Während eure Spieler individuell trainieren müssen, dürfen die Teams aus den Nachwuchsleistungszentren Mannschaftstraining machen, weil deren Spieler Profis sind.”

JM: “Diese Regelung ist natürlich extrem unglücklich und ein Wettbewerbsnachteil für Mannschaften wie uns oder Heide zum Beispiel.”

EN: “Bist du sauer auf die U-Mannschaften?”

JM: “Nein, gar nicht. Hätten wir die Möglichkeit zu trainieren, würden wir es ja auch tun. Wir sind Fußballer, wir wollen immer spielen. Ich würde mir allerdings gleiche Rechte für alle innerhalb einer Liga wünschen.“

EN: „Wie sieht es mit den Langzeitverletzten aus?“

JM: „Wir gehen davon aus, dass bis auf Juri Marxen alle verletzten Spieler (Anm.: Noel Denis, Fabian Grau, Lars Huxsohl, Michael Kobert) ins Mannschaftstraining einsteigen können, wenn es wieder los geht. Fahri Akyol war nach seiner langen Kreuzbandverletzung ja bereits wieder im Kader.”

EN: “Bereits im Frühjahr hieß es, das Kangmin Choi wieder zurück kommt. Gesehen haben wir ihn bei Spielen bisher aber nur auf der Tribüne.”

JM: “Das ist leider ein sehr schwieriges Thema, was momentan bei der Ausländerbehörde liegt. Dort gibt es Anfang Dezember einen weiteren Termin. Wir hoffen, dass der Termin positiv verläuft und Kangmin dann endlich wieder für uns spielen kann.”

EN: “Ihr hattet zwei weitere Südkoreaner im Training, von denen zumindest Hyunwook Jung als Ersatz für Dominik Akyol kommen sollte.”

JM: “Das ist dasselbe Problem wie bei Kangmin. Beide sind aktuell nicht mehr in Deutschland und werden wohl frühestens im März/April zurück kommen. Dann muss man sehen ob das für die kommende Saison was wird.”

EN: “Bedeutet das, dass ihr in der Winterpause noch einen Offensivspieler dazu holen werdet?”

JM: “Wir werden da auf jeden Fall die Augen offen halten, ja.”

EN: „Werfen wir nochmal einen Blick zurück auf die vergangenen, intensiven drei Monate. Wie bewertest du den bisherigen Saisonverlauf mit all seinen Höhen und Tiefen?“

JM: „Wir wollten Hamburger Pokalsieger werden – das haben wir geschafft. Das DFB-Pokal-Spiel bei Bayer Leverkusen war für alle Beteiligten ein tolles Erlebnis, wenn man mal vom Ergebnis absieht. Aber Leverkusen spielt ja nicht umsonst in der Bundesliga und international immer eine gute Rolle, das relativiert das Ergebnis natürlich etwas. In der Liga wollten wir unter die ersten fünf Plätze der Nordgruppe kommen, um uns für die Meisterrunde zu qualifizieren. Wir sind aktuell Dritter, nach der Quotientenregelung wären wir sogar Zweiter. Wir lassen uns aber von der Platzierung nicht blenden: Zwischen Platz zwei und Platz sieben liegt nur ein Punkt.”

EN: „Wie erklärst du dir, dass die Mannschaft trotz der alles andere als optimalen Vorbereitung, trotz drei Niederlagen zu Saisonbeginn (Flensburg, Leverkusen, Drochtersen), trotz des dünnen Kaders und trotz drei Spielen, die man nur zu zehn beendete, so eine Serie hinlegen konnte?“

JM: „Das ging nur über unseren ausgezeichneten Teamgeist. Alle gehen kameradschaftlich miteinander um, jeder freut sich für den anderen. Die Jungs haben sich auch von Rückschlägen nicht umwerfen lassen und ausgezeichnet mitgezogen. Deswegen macht es uns als Trainerteam auch so viel Spaß, mit den Jungs zu arbeiten.“

EN: „Dabei sind dann auch Spieler in die Bresche gesprungen, die man vorher vielleicht nicht so auf dem Zettel hatte wie Dylan Williams, den vorher ja nur Oberliga-Experten kannten….“

JM: „Dylan, den wir im August vom Hamburger Oberligisten Hamm United geholt haben, hat sich mit seiner Laufstärke und Spielmentalität als Glücksgriff entpuppt. Aber auch Alex da Cunha hat, trotz seiner Verletzungspause, große Fortschritte gemacht. Er beweist dass, was wir unseren U19-Spielern immer sagen, wenn Sie hochkommen: Das erste Jahr ist ein Lernjahr, da muss man für jede Minute Einsatzzeit dankbar sein. Alex hat sich durchgebissen und hart an sich gearbeitet, so dass wir ihn jetzt bedenkenlos in der Startaufstellung bringen können. Nicht zu vergessen Stefan Rakocevic, der kurzfristig für Lars Huxsohl eingesprungen ist und bewiesen hat, dass wir uns jederzeit auf ihn verlassen können. Das Lob gehört allerdings der gesamten Mannschaft, die in den vergangen Monaten eine tollen Job gemacht hat.“