2019 – Juni: Ronny Marcos

Kurz vor Ende der Winter-Transferperiode sorgte Eintracht Norderstedt mit der Verpflichtung des ehemaligen Bundesliga-Spielers Ronny Marcos für eine echte Überraschung. Und auch, wenn sich die Wege zum Saisonende leider bereits wieder trennen werden, hinterließ der 25jährige Deutsch-Mosambikaner einen überaus positiven Eindruck in Norderstedt. An seinem letzten Tag in Norderstedt nahm er sich die Zeit, uns im Interview des Monats noch die ein oder andere Frage zu beantworten und ließ dabei in jedem zweiten Satz durchblicken, dass er einfach nur geil auf Fußball ist.

EN: „Hallo Ronny, vielen Dank, dass du dir an deinem letzten Tag in Norderstedt die Zeit für unser Interview des Monats nimmst. Fangen wir mit deinem Start in Norderstedt an: Plötzlich und völlig unerwartet wurdest du am letzten Tag der Transferperiode verpflichtet. Ein Transfer, den keiner für möglich gehalten hat und für Eintracht wirklich eine große Nummer war. Kannst du uns verraten wie der Wechsel zustande gekommen ist und warum jemand, der die letzten sechs Jahre als Profi gespielt hat, sich für die Regionalliga und Eintracht Norderstedt entschieden hat?“

RM: „Die letzten sechs Jahre im Profi-Bereich waren harte und intensive Jahre. Im vergangenen Sommer hatte ich mich für einen Wechsel nach Griechenland entschieden. Die Griechen sind aber den Vertragsvereinbarungen nicht nachgekommen, die vereinbarten Zahlungen blieben aus. Das komplette Programm musste über die FIFA geklärt werden und läuft auch immer noch. Ich habe mir gesagt, bevor ich jetzt ein Jahr gar keinen Fußball spiele, mache ich erstmal einen Strich unter das Thema Profi-Fußball. Dann habe ich gute Gespräche mit Reenald Koch geführt und wir sind auf einen Nenner gekommen. Eigentlich war geplant, dass ich ab Sommer eine Ausbildung anfange, weil ich wirklich einen Haken hinter den Profi-Fussball machen wollte. Reenald hat sich da sehr für mich eingesetzt, wollte mich unterstützen einen Ausbildungsplatz zu finden, wofür ich ihm extrem dankbar bin.“

EN: „Das heißt, wäre jetzt nicht Kickers Offenbach dazwischen gegrätscht, würdest du ab Sommer eine Ausbildung machen und weiter bei Eintracht Norderstedt spielen?“

RM: „Genau, das war der Plan. Aber wie es dann im Fußball so ist, hat mich dann mein Berater angerufen und mir gesagt, dass er ein Angebot für mich hätte. Ich war erstmal skeptisch, aber das gesamte Rahmenpaket hat gepasst. Ich hatte dann auch einige schlaflose Nächte, weil ich für mich eigentlich schon beschlossen hatte, einen Strich unter das Thema Profi-Fußball zu setzen. Aber wenn du dein Leben lang dafür ackerst und dann mit 25, was ja eigentlich noch relativ jung ist…. Ich hatte mit der Entscheidung einfach noch nicht meinen inneren Frieden geschlossen. Und dann kam das Angebot von Kickers Offenbach rein. Ich habe mir vor Ort alles angeguckt, mit den Verantwortlichen gesprochen, die ganz klar das Thema Aufstieg anvisieren und mich dann doch nochmal für den Profi-Fußball entschieden, weil ich noch hungrig genug bin und den Ehrgeiz habe, im kompletten Leistungsbereich aktiv sein zu wollen.“

EN: „Ich erinnere mich sehr gut an eine unserer ersten kurzen Unterhaltungen nach dem Winter-Testspiel gegen den Bramfelder SV. Du kamst mit einem breiten Grinsen vom Platz und meintest „Es macht einfach so viel Spaß, endlich wieder Fußball zu spielen.“

RM: „Ich habe davor jeden Tag alleine trainiert, mich mit einem Personal-Trainer fit gehalten. Und das ist für jemanden, der den Fußball liebt, einfach eine Scheiß-Zeit, das muss man so sagen. Du bist in Griechenland gebunden, musst so lange warten, bis juristisch alles geklärt ist und du wieder Fußball spielen darfst, also die nächste Transferperiode abwarten… Ich wollte einfach nur Fußball spielen, aber du darfst nirgendwo mittrainieren, kannst nichts machen… Dann bist du einfach nur glücklich, wenn du endlich wieder Fußball spielen darfst. Das hätte gegen eine Kreisliga- oder U16-Mannschaft sein können und ich hätte wahrscheinlich genau so gestrahlt, weil es mir einfach nur um den Sport geht.“

EN: „Kannst du uns ein bisschen was zum Menschen Ronny Marcos erzählen?“

RM: „Ich komme eigentlich von der kleinen, beschaulichen Ostsee-Insel Fehmarn, bin dort aufgewachsen. Ich habe erst mit 12 Jahren mit Fußball angefangen, also sehr, sehr spät. Und dann ging es Schlag auf Schlag, ich habe eigentlich jedes Jahr eine Liga höher gespielt.“

EN: „Angefangen hast du beim Inselverein JSG Fehmarn.“

RM: „Genau. Zwei Jahre später ging es dann aufs Festland zum Oldenburger SV in Holstein.“

EN: „Das ist auch der Verein, wo Rico Bork herkommt. Kanntet ihr Euch da schon?“

RM: „Wir kannten uns, ja. Ich bin ja auch zwei Jahre älter, so dass wir nur ein paar Trainings zusammen hatten, aber sonst nie zusammengespielt haben. Aber es ist halt Heimat, da kennt man sich. Es war auch in den letzten Jahren immer schon so, dass ich zu Weihnachten und in den Sommerpausen nach Hause gekommen bin und wir mit unserer kleinen Crew dann was unternommen haben.“

EN: „Dann war es für dich doch eigentlich eine ganz geile Zeit, nach Jahren in Fürth und Österreich wieder nach Hause zu kommen zu deiner Familie und deinen Jungs, oder?“

RM: „Es war wirklich extrem schön, die Jungs und meine Mutter öfter zu sehen. Seit ich 17 bin, lebe ich nicht mehr zuhause. Und Fehmarn ist halt nicht gerade um die Ecke, egal wo du bist. Selbst von Hamburg aus sind es noch 150, 160 Kilometer. Es war wirklich schön, wieder Zeit mit der Familie zuhause zu verbringen. Ich habe mich extrem wohl gefühlt und die Zeit mit der Familie aufgesogen, weil ich da ja wirklich viel verpasst habe. Aber im Endeffekt merke ich dann doch, dass Fußball das ist, was ich liebe und was ich machen möchte.“

EN: „Vom Oldenburger SV bist du dann zum VfB Lübeck gewechselt und von dort weiter zu Hansa Rostock.“

RM: „Genau. In Rostock habe ich noch ein Jahr U19-Bundesliga gespielt und bin dann in den Herrenbereich gegangen.“

EN: „Und da hieß es dann irgendwann: der Junge ist nicht drittliga-tauglich, wenn ich das richtig gelesen habe?“

RM: „Jein. Es war eine schwierige Zeit, es war in meinem ersten Profi-Jahr. Der damalige Hansa-Trainer Wolfgang Wolf hatte mich hochgezogen und mir einen Profi-Vertrag gegeben. In meiner ersten Saison hatte ich dann auch 16 Spiele gemacht, was mich mit 18 Jahren natürlich sehr gefreut hat. Dann kam ein neuer Trainer. Da hatte ich auch schon Angebote und es stand im Raum, dass ich gehen könnte, aber der Verein hat sich klar zu mir bekannt. Aber eine wirkliche Chance habe ich unter dem neuen Trainer nicht bekommen, ich habe plötzlich alle möglichen Positionen gespielt, nur nicht die, auf denen ich mich selbst sehe. Da habe ich mich dann natürlich auch gefragt, ob es noch das Richtige ist. Als junger Spieler willst du halt einfach nur spielen. Spielst du nicht, bist du unzufrieden und entwickelst dich nicht weiter. Dann kam der Anruf von der U23 des HSV, da konnte ich dann Spielpraxis sammeln und dann ging es relativ schnell rauf zu den Profis.“

EN: „Nicht mal ein Jahr nachdem man dich bei Rostock mehr oder weniger aussortiert hat, hast du unter Joe Zinnbauer in der Bundesliga debütiert. Was denkt man in solchen Momenten?“

RM: „Der einzige im Klub, der mir die Qualität abgesprochen hat, war der damalige Trainer Andreas Bergmann. Das habe ich dann natürlich als seine Meinung akzeptiert, dafür ist er der Trainer. Obwohl ich es natürlich anders gesehen habe. Von daher war es natürlich umso schöner zu beweisen, dass man auf Erst- und Zweitliga-Niveau mithalten konnte. Das war natürlich ein Paradebeispiel dafür, dass -nur weil einem Leute etwas sagen- es nicht so sein muss. Selbst wenn es ein Profi-Trainer ist.“

EN: „Also das beste Beispiel dafür, dass man immer an sich glauben und weitermachen sollte, auch wenn andere sagen „das schaffst du nicht“.

RM: „Ja. Es ist zwar immer so eine Phrase, aber ich habe es jetzt wieder erlebt mit dem Wechsel nach Offenbach.  So etwas gibt es in der Berufswelt sicher nirgendwo so extrem wie im Fußball. Das ist schon verrückt und vielleicht auch so ein bisschen die Magie im Fußball.“

EN: „Wie hat es sich für dich angefühlt, zum ersten Mal im großen Volksparkstadion zu spielen?“

RM: „Mein erstes Spiel war in Augsburg, das Spiel haben wir leider verloren. Die Woche darauf haben wir zuhause gegen Mainz gespielt und 2:1 gewonnen. Das Auswärtsspiel war schon ne schöne Sache, aber zuhause… boah. Wir sind relativ früh in Führung gegangen, das war natürlich ein Riesen-Erlebnis. In Hamburg lebt man den Fußball ja auch, so wohl beim HSV als auch bei St. Pauli. Das war für mich mit das größte Erlebnis im Fußball, dass ich je erlebt habe.“

EN: „Wenige Wochen nach deinem Bundesliga-Debüt habt ihr gegen Bayern München gespielt, dein direkter Gegenspieler war Arjen Robben. Es gab eine heftige 8:0-Pleite und du bist damals -als gerade einmal 21jähriger in seinem siebten Bundesliga-Spiel- von der Presse zum Schuldigen gemacht worden.“

RM: „Man hat auf dem Platz gemerkt, dass Bayern München eben keine Mannschaft von Bundesliga-Format, sondern von Weltklasse-Format war, da muss man sich nichts vormachen. Natürlich haben nach dem Spiel alle von Arjen Robben gesprochen. Aber was auch klar ist: Man steht da nicht allein auf dem Platz. Was willst du machen, wenn der 37 Mal im Spiel im Vollsprint auf dich zukommt und du stehst da allein? Irgendwo hast du ja auch noch Mitspieler. Es ist ja kein Geheimnis, was der Spieler für ein Format hat. Es wurde so dargestellt, als hätte ich das Spiel allein verloren. Aber es ist immer einfach, sich einen Sündenbock, ein Bauernopfer heraus zu suchen, gerade wenn es ein junger Spieler ist. Die Medien sind ja gerade in Hamburg für sowas immer sehr anfällig. Ist ja auch ihr Job, sollen sie so weiter machen. Für mich war das natürlich nicht einfach, das Spiel zu verarbeiten, da muss man ehrlich sein.“

EN: „Wegen des Spiels oder wegen der Berichterstattung?“

RM: „Die direkte Berichterstattung habe ich mir gar nicht gegeben. Man hat ja gesehen wie das Spiel gelaufen ist und wie Medien ticken.“

EN: „Dann bist du für ein halbes Jahr nach Fürth gewechselt und von dort direkt weiter nach Österreich.“

RM: „Nach dem Spiel gegen Bayern habe ich noch zwei relativ gute Spiele in der Bundesliga gegen Frankfurt und Dortmund gemacht. Das war dann ja auch die Zeit der fliegenden Trainerwechsel beim HSV. Zinnbauer musste gehen, Knäbel hat für zwei Wochen übernommen und dann kam Bruno Labbadia. Dann war ich ein halbes Jahr nicht im Kader und habe mich dann auf der Suche nach mehr Spielzeit anderweitig umgesehen. Du kannst in Hamburg leben, es ist eine Super-Stadt und alles, aber als Fußballer im Alter von 21 Jahren willst du spielen. Dann kam das Angebot von Fürth und ich bin dorthin gewechselt. Dann kam aber relativ schnell eine Anfrage zur Leihe aus Österreich rein. Mein Berater hat das mit dem Verein abgesprochen. Die fanden das gut, weil ich dadurch ein Jahr Spielpraxis bekomme.“

EN: „Das war dann vom SV Ried, die in der 1. Österreichischen Bundesliga gespielt haben.“

RM: „Genau. In Ried hat es mir im Endeffekt sehr gut gefallen. Dort hatten wir dann auch relativ schnell einen Trainerwechsel. Ich habe das Vertrauen bekommen und mit Leistung zurückgezahlt und war dann auch relativ schnell Stammspieler. Zunächst war ich ja nur für ein Jahr ausgeliehen, dann hat mich der Verein aber fest verpflichtet. Ich wollte dann dortbleiben, weil ich mich sehr wohl gefühlt und viel gespielt habe. Klar hätte ich wieder zurück gehen können, aber das wäre dann wieder bei offenem Konkurrenzkampf eine Wundertüte gewesen, in Ried hatte ich mir einen gewissen Stellenwert erspielt. Dort habe ich dann zwei Jahre gespielt und war im letzten Jahr sogar in der Elf der Saison.“

EN: „In Österreich lief es also extrem gut für dich, das heißt es gab keinen Grund, Ried zu verlassen. Viel mehr war es so, dass du nochmal was Neues probieren wolltest?“

RM: „Richtig. Und plötzlich stand ich vor juristischen Dingen. Da denkst du dir dann auch ‚wow, das kann doch eigentlich gar nicht sein.‘ Es war alles unterschrieben, ich habe da auch drei Wochen lang mittrainiert, Testspiele mitgemacht… und dann wurde man immer auf den nächsten Tag oder die nächste Woche vertröstet. Da fingen wir dann an, misstrauisch zu werden. Das war ja auch ein Drei-Jahres-Vertrag, kein Jahresvertrag oder so.“

EN: „Das ist dann natürlich auch eine Menge Kohle…“

RM: „Das auch, ja, muss man ehrlich sagen. Es ist ja auch ein Beruf. Von der Elf der Saison in die 1. Liga nach Griechenland und plötzlich bist du wieder in Deutschland und darfst nirgendwo unterschreiben, weil du dort ja ein gültiges Arbeitspapier hast. Ich bin dann erstmal nach Norddeutschland zurückgekommen, habe die Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden verbracht und ein bisschen Abstand davon gewonnen.“

EN: „Und plötzlich spielst du statt 1. Liga Griechenland in Norderstedt.“

RM: „Ich habe mir dann selbst gesagt ‚komm Ronny, dann gehst du nach Norderstedt. Du hast hier einen super aufgestellten Verein, kannst Fußball spielen… und jetzt, wo ich hier bin, hast du den Klub auch irgendwo lieben gelernt. Es ist alles sehr familiär, jeder hier ist freundlich, man schätzt sich….“

EN: „Dann kann man sagen, dass Eintracht für dich der richtige Verein zur richtigen Zeit war, um den Spaß am Fußball zurück zu gewinnen.“

RM: „Definitiv. Definitiv. Klar, man weiß nie, wie es woanders gekommen wäre. Ich wollte aber unbedingt für das halbe Jahr Heimatnähe haben. Ich habe lange in Hamburg gelebt, musste mich nicht eingewöhnen, kenne mich hier aus, kannte einige Jungs vom Verein schon. Ich muss auch wirklich sagen: Die Mannschaft und der Verein haben es mir hier wirklich sehr, sehr leicht gemacht, mich hier wohl zu fühlen.“

EN: „Das habe ich auch andersrum aus dem Verein über dich gehört: Super-Typ, super easy, sehr pflegeleicht, ist total freundlich und herzlich zu allen, war vom ersten Moment an voll integriert in den Verein und in die Mannschaft…“

RM: „Das freut mich sehr zu hören. Gerade jetzt, wo es für mich weiter geht, ist es ein schönes Gefühl, das so mitzubekommen, dass es beidseitig ist. Ich werde auf jeden Fall immer wieder sehr, sehr gerne nach Norderstedt kommen.“

EN: „Im Fußball sagt man ja auch ‚sag niemals nie‘. Wenn du das Thema Berufsfußballer doch irgendwann an den Nagel hängen solltest…“

RM: „Genau, wenn ich dann mit der Entscheidung, das Kapitel Profi-Fußball zu beenden, meinen Frieden schließe, habe ich eine Adresse, an die ich sehr, sehr gerne zurückdenke und es gerne annehmen würde, ja.“

EN: „Was machst du, wenn du nicht Fußball spielst?“

RM: „Dann bin ich mit meinen Jungs unterwegs. Rico (Anm.: Rico Bork) kennt man hier ja auch sehr gut. Familie… halt die Sachen, die man immer so hört. Ausgefallene Hobbys habe ich nicht, dass ich wüsste. Ich bin da eher der entspanntere Typ, höre viel Musik, Hip Hop, RnB, Deutsch-Rap, alles Mögliche.“

EN: „Ein weiteres Highlight in deiner Fußballerkarriere dürfte der 14.06.2015 gewesen sein. An dem Tag hast du dein erstes und bisher einziges Länderspiel für Mosambik gegen Ruanda gemacht. Wie wird ein Junge von der Insel Fehmarn Nationalspieler von Mosambik?“

RM: (lacht) „Mein Vater ist Mosambikaner. Das Thema ging schon los, als ich bei Hansa Rostock meine ersten Profispiele gemacht habe. Der Nationaltrainer Mosambiks war damals ein Deutscher, Gert Engels. Bei einem Spiel in Aachen, dass wir 4:3 gewonnen haben, war er Zuschauer. Er ist dann direkt mit mir in Kontakt getreten. Dann bin ich aber zum HSV gewechselt und wollte mich erst einmal ein wenig akklimatisieren, so dass alles ein wenig auf Eis war. Ich habe mir dann einen mosambikanischen Pass ausstellen lassen, was relativ lange gedauert hat. Als ich den dann hatte, habe ich das Länderspiel gegen Ruanda gemacht.“

EN: „Wie war das für dich?“

RM: „Es war ein richtig, richtig geiles Erlebnis. Das kann man sich hierzulande gar nicht vorstellen. Alle Kinder spielen dort auf der Straße Fußball. Da geht einem das Herz auf, wenn man das sieht. Das Stadion war top, wurde gerade neugebaut, 42.00 Leute waren da. Man unterschätzt den Fußball dort sehr, er hat eine wirklich gute Qualität. Leider ist es nicht zu mehr Länderspielen gekommen.“

EN: „Woran hat das gelegen?“

RM: „Wir waren in der Liga mit dem SV Ried in einer äußerst prekären Situation, standen kurz vor dem Abstieg. Wir hatten ein Auswärtsspiel bei Austria Wien, für Mosambik war ein Testspiel angesetzt. Ich wäre Freitagnacht in Frankfurt gelandet, am Samstag wäre das Spiel in Wien gewesen. Also habe ich den Trainer angerufen und ihn gefragt, ob es okay wäre, wenn ihr hierbleibe, weil wir mitten im Abstiegskampf stecken und ich hier sicherlich mehr gebraucht werde als bei einem Testspiel. Hat er leider nicht so gesehen… Er war der Meinung, dass so viele Menschen dafür träumen würden, für ihr Land zu spielen und und und… ich habe ihm gesagt, dass ich das auch nach wie vor tue und es eine große Ehre ist, aber so stumpf es klingen mag: Der Verein ist mein Beruf und der Rest ist Bonus. Das hat er leider nicht verstanden. Wir stehen auch heute noch in Kontakt, aber eingeladen wurde ich nur noch einmal. Da hatte ich leider gerade einen Faserriss im Oberschenkel und konnte nicht kommen. Ich denke, dass er es leider persönlich genommen hat oder glaubt, dass es mir nicht wichtig ist. Das ist aber nicht so.“

EN: „Du würdest also, wenn sich die Chance bietet, gerne wieder für Mosambik auflaufen?“

RM: „Ich wäre ganz sicher nicht abgeneigt, klar. Aber es muss halt alles passen. Es gab halt auch andere Testspiele wo er sagte ‚Ronny, bleibt ruhig in Europa, dafür musst du nicht extra nach Afrika fliegen‘. Von daher war der Umstand für mich nicht zu verstehen, dass es plötzlich ein Riesenproblem ist, wenn ich ein Testspiel absage. Aber ist halt so. Das Spiel war für mich ein Super-Erlebnis, das kann mir keiner mehr nehmen. Ich bin sehr froh, dass ich das gemacht habe, zumal es das erste Mal war, dass ich im Heimatland meines Vaters war.“

EN: „Das wäre die nächste Frage gewesen…“

RM: „Es war das erste Mal, von daher habe ich da einige Impressionen sammeln und einiges an Erfahrungen mitnehmen können. Es ist halt verrückt. In Deutschland hat man einen so hohen Standard, den man gar nicht mehr zu schätzen weiß. Wenn man dahin geht und das sieht, gerade wenn man dort seine Wurzeln hat, weiß man das alles viel mehr zu schätzen.“

EN: „Du hast ja auch im Fußball schon einige Erfahrungen sammeln können. Welches war das schönste Stadion, indem du je gespielt hast?“

RM: „Puh… das Volksparkstadion gehört definitiv zu den Schönsten. Ich finde das Schalke-Stadion auch wunderschön. Gegen die Allianz-Arena in München habe ich eine kleine Abneigung…“ (lacht) „Im Dortmunder Stadion habe ich mit Rostock mal gespielt, das war auch klasse. Deutschland hat schon sehr viele, sehr schöne Stadien. Hamburg, Schalke und Dortmund sind für mich die schönsten Stadien, würde ich sagen.“

EN: „Wenn du deine bisherigen Karriere Revue passieren lässt, welche Ereignisse stechen positiv wie negativ hervor?“

RM: „Die Griechenland-Geschichte war natürlich ein Super-GAU, gerade wenn man danach vier Monate allein zuhause sitzen und die Eigenmotivation aufbringen muss, mehr zu machen. Positiv ist für mich jedes Fußballspiel auf professionellem Niveau. Das ist das, wovon man als Kind träumt. Große Stadien, viele Zuschauer. Klar spielt man nicht nur wegen der Zuschauer. Aber wenn man mal fragt, wieso einer Profi werden wollte, wird keiner sagen ‚wegen des Geldes‘ oder ‚wegen der Reisen‘. Alle wollten Profi werden, weil sie Spaß am Fußball haben und mal vor vielen Zuschauern in einem großen Stadion spielen wollten.“

EN: „Wenn man sich deine Vita anguckt, dürfte Eintracht Norderstedt der kleinste Verein für dich sein, seit du den Oldenburger SV verlassen hast. Wenn du mal Vergleiche ziehst zu deinen letzten Vereinen, wie würdest du Eintracht einordnen?“

RM: „Einen Vergleich von Bundesliga zur Regionalliga zu ziehen, ist natürlich nicht ganz einfach.“ (lacht) „Was man ganz klar sagen muss: Die Medizinische Abteilung mit dem Lans Medicum im Hintergrund ist top aufgestellt. Es ist nicht selbstverständlich, dass man -wenn mal akut etwas ansteht- sofort Zeit und die nötige Behandlung bekommt. In Österreich mussten wir teilweise 60 Kilometer von Ried nach Salzburg zum Arzt fahren. Da ist das hier wirklich top. Auch die Charakteristik vom Verein hier, es ist wirklich alles sehr familiär. Es gibt Vereine, da kommst du hin und wirst mit dem Arsch nicht angeschaut. Und hier kannst du mit jedem flachsen und Späße machen, aber auch ernst reden, wenn es um die wichtigen Themen geht. Das macht einen Verein aus, dass man authentisch ist. Und das ist Norderstedt auf jeden Fall.“

EN: „Wenn du für Eintracht Norderstedt einen deutschen Spieler deiner Wahl holen könntest… wer wäre das?“

RM: (überlegt längere Zeit) „Für mich wäre das Mario Götze. Das ist der brutalste Fußballer, den ich in Deutschland je gesehen habe. Die Leute nehmen ihn meiner Meinung nach viel zu scharf in die Kritik. Jeder, der seine Doku gesehen hat, weiß, dass das, was die Menschen von ihm verlangen, utopisch ist. Mit seinem WM-Tor und dem, was er in der Bundesliga gezeigt hat, erwarten die Leute mittlerweile, dass er mit jeder Aktion seine Vorlage oder sein Tor macht, die Erwartungshaltung ist einfach fernab vom Sport. Ich finde, er ist ein Riesen-Fußballer, hat immer eine Lösung. Da hat man viel Spaß, ihm beim Fußball zuzuschauen.“

EN: „In welcher Mannschaft würdest du selbst gerne mal spielen?“

RM: (überlegt) „Ich glaube, ich würde mir eine Mannschaft machen, wo ich meine ganzen Jungs dabei hätte. Da wäre viel Zug auf dem Platz, aber auch eine Menge Spaß.“

EN: „Welche Jungs wären denn in deinem persönlichen Dreamteam?“

RM: „Da gibt es einige.“ (lacht) „Rico Bork auf jeden Fall. Patrick Bohnsack (ehemals Eutin 08) ist einer meiner besten Kumpels, Gideon Jung (HSV), Kevin Otremba (ehemals HSV II), Ahmet Arslan (VfB Lübeck), Jeffrey Obst (Wattenscheid 09), Jeffrey Yeboah, Ashton Götz (ehemals HSV)… es wäre eine sehr bunte Multikulti-Truppe. Wenn ich einen von den Jungs vergessen habe, bitte nicht sauer sein. (lacht) Wir hätten eine Menge Spaß und eine richtig gute Qualität auf dem Platz.“

EN: „Warum würdest du den Leuten empfehlen, mal zu Eintracht Norderstedt ins Stadion zu kommen?“

RM: „Es gibt viele Gründe, um ehrlich zu sein. Wenn man mit der Mannschaft Erfolg hat und eine gute Phase erwischt, sieht man hier richtig guten Fußball. Man muss natürlich sagen, dass wir die Saison nicht so abgeschlossen haben, wie wir sie hätten abschließen können. Aber wir haben hier wirklich gute Kicker in der Mannschaft. Wenn man die Spiele sieht, gerade die letzten, die wir zuhause gewonnen haben, dass man gesehen hat, dass die Jungs spielen können und das Zuschauen Spaß macht. Wenn ich nur an das St. Pauli-Spiel denke…“

EN: „… das war ja wohl das geilste Spiel, was ich hier seit langem gesehen habe.“

RM: „Das war ein Spiel, wo es um alles ging, wir hatten sehr viel Druck und am Ende haben wir St. Pauli in der Tabelle noch überholt. Pauli hat auch guten Fußball gespielt. Und wir haben trotz der schwierigen Situation nicht nur lange Bälle nach vorne rausgehauen, sondern haben mitgespielt. Wir lagen hinten und haben das Spiel noch gedreht. Wenn ich das Spiel jetzt als Beispiel nehme, wo wir trotz zwei Rückständen das Spiel noch gewinnen, da war gefühlt das ganze Stadion mit auf dem Platz. Das hat man auch gemerkt. Und auch wenn es ein offenes Stadion ist, kommt da richtig was rüber, das ist viel, viel mehr wert, als ein vermeintlicher Lärm in einem großen Stadion, der einen auch mal negativ beeinflussen kann.“

EN: „Vielen Dank für das Interview, Ronny, viel Erfolg für deine Zeit in Offenbach. Und schau gerne mal wieder rein, wir würden uns über deinen Besuch freuen.“