2019 – April: Nick Brisevac

Vor der Winterpause war Nick Brisevac einer von nur zwei Spielern, der bei allen Partien auf dem Platz stand. Doch seitdem hat der 26jährige den Platz nicht mehr betreten. Wir haben ihn in seiner Verletzungspause getroffen, um mal zu schauen, wie es ihm geht und dabei einige interessante Informationen aus ihm herauskitzeln können. Wusstet ihr zum Beispiel, dass Nick in seiner Jugend Kapitän der U16-Nationalmannschaft war, wo immerhin Spieler wie der heutige Nationalspieler Nico Schulz, Johannes Geis vom 1.FC Köln oder Loris Karius in seinem Team standen? Dass er in seiner Zeit als Jugendnationalspieler alle Spiele gewonnen hat? Dass er viele Jahre mit Danny da Costa von Eintracht Frankfurt in einer Mannschaft gespielt hat? Zudem erzählt er von einem bitteren Erlebnis an seinem 18. Geburtstag, dass er zunächst andere Vorstellungen von der Regionalliga Nord hatte und Eintracht Norderstedt für ihn daher eigentlich gar keine Option war. Nick nimmt sich alle Zeit der Welt und gibt sich sogar bei unverschämten Fragestellungen als humorvoller und sympathischer Gesprächspartner. Klingt gut? Ist gut.

EN: „Bevor wir zum eigentlichen Interview kommen: Du hast seit fast vier Monaten nicht mehr auf dem Platz gestanden: wie geht es dir und wann können wir dich zurückerwarten?“

NB: „Leider bin ich seit Anfang Januar aus den verschiedensten Gründen raus, aber jetzt geht’s mir ganz gut. Ich bin nahezu täglich in Behandlung im Lans Medicum und werde dort sehr gut betreut. Ich hoffe, dass ich jetzt zeitnah wieder mit leichtem Fußballtraining anfangen darf. Laufen, Mobilitäts- und Stabilitätsübungen und sowas in der Art. Ich habe am Donnerstag noch mal ein Gespräch mit Philip Catala-Lehnen, dem behandelnden Arzt in Lans Medicum. Mal schauen, was er dann sagt und ob ich dann zumindest individuell wieder auf den Platz gehen und fußballspezifische Übungen machen kann. Momentan bin ich ganz positiv gestimmt, dass es bald wieder losgehen kann.“

EN: „Wenn du wieder im Training bist: wie lange wird es dauern, bis wir dich wieder auf dem Rasen sehen können?“

NB: „Ich bin jetzt ein paar Wochen raus. Da kommt es darauf an, wie mein Körper die Belastung verkraftet. Ich hoffe, dass ich in etwa 4-5 Wochen wieder bei 100 % sein kann. Das muss man aber abwarten.“

EN: „Das heißt, zum Ende der Saison hin können wir wieder auf dich bauen?“

NB: „Das dürfte realistisch sein, ja.“

EN: „Bist du schon einmal so lange ausgefallen?“

NB: „Nein, das ist das erste Mal in meiner Fußballkarriere. Ich hatte einmal einen Muskelbündelriss, da bin ich etwa 7-8 Wochen ausgefallen. Das ging damals aber in die Winterpause hinein, so dass die eigentliche Pause deutlich kürzer war. Das ist das erste Mal, dass es mich erwischt hat. Es nervt, aber es bleibt in einer Fußballkarriere leider auch nicht aus.“

EN: „Das kann auch gerne bei dem einen Mal bleiben…“

NB: „Ja, auf jeden Fall. Das war für mich natürlich ziemlich blöde. Für das neue Jahr nimmt man sich ja immer einiges vor, vorallendingen Gesundheit, was das höchste Gut ist, dass man hat. Und dann direkt auszufallen, erst einmal mit dieser Krankheit und dann mit der Diagnose der Schambeinentzündung, das war für mich natürlich sehr bitter.“

EN: „Magst du den Leuten verraten, wer der Mensch hinter dem Fußballer Nick Brisevac ist?“

NB: „Ich habe eine Ausbildung zum Bürokaufmann gemacht und arbeite jetzt 20 Stunden in der Woche in einem größeren Industrieunternehmen. Nach dem Ausbildungsende habe ich mich entschieden, berufsbegleitend BWL und Wirtschaftspsychologie zu studieren, aktuell im dritten Semester. Mit Fußball, Arbeit und Studium bin ich sehr gut ausgelastet, da bleibt nicht mehr viel Zeit für Hobbys. Wenn man fit ist, ist man darüber hinaus ja auch noch ständig im Einsatz, entweder laufen oder im Fitnessstudio. Ansonsten mache ich halt das, was man ebenso macht. Mich mit Freunden oder der Familie treffen.“

EN: „Du hast also keine großen ungewöhnlichen Hobbys, die uns jetzt alle überraschen?“

NB: „Nein, ich muss ganz ehrlich sagen, dass sich durch den Fußball gar keine weiteren Hobbys entwickeln konnten. Ich habe in der Jugend lange Zeit auf gutem Niveau Tennis gespielt, bis ich mich entscheiden musste, ob ich lieber Tennis oder Fußball leistungsbezogen machen wollte. Aber da war ich elf oder zwölf Jahre alt, wenn überhaupt. Klar hätte ich schon Interesse, einige Dinge zu machen, aber es ist zeitlich schwierig zu vereinbaren.“

EN: „Lass uns kurz auf deinen Nachnamen zu sprechen kommen. Ich habe mittlerweile bestimmt schon vier oder fünf verschiedene Aussprachen deines Nachnamens gehört. Brisewak, Brisewatz, Brisewatsch, Brischewatsch… Kannst du uns sagen, wie dein Nachname denn richtig ausgesprochen wird?“

NB (lacht): „Das begleitet mich tatsächlich schon seit der Grundschule und hat schon immer für Probleme gesorgt. Brisevac ist ein kroatischer Name. Eigentlich spricht man es Brischewatz aus. Meine Eltern haben mir aber beigebracht, einfach Brisewack zu sagen. Also ganz normal, wie man es liest. Es ist schwer, jemandem zu sagen, wie der Name richtig geschrieben wird, wenn man es richtig betont. Deswegen nennen mich eigentlich alle auch nur ‚Brise‘.“

EN: „Wunderbar, dann haben wir das ja auch einmal geklärt. In welchem Alter hast du mit dem Fußball spielen angefangen?“

NB: „Ich habe wirklich ganz früh mit dem Fußball angefangen, mit drei oder vier Jahren. Bei mir war es damals sogar so, dass ich ein Jahr zu früh in die Bambini, wie es damals bei uns hieß, gekommen bin. Bei uns in Nordrhein-Westfalen hieß es Bambini, wie heißt es hier?“

EN: „Weiß ich ehrlich gesagt so genau gar nicht. Ich kenne verschiedene Varianten: Bambinis, Minis oder G-Junioren.“

NB: „Ist ja auch egal.“ (lacht) „Ich habe jedenfalls ein Jahr früher angefangen, weil es mich einfach zum Fußball gezogen hat. Und heute, über 20 Jahre später, bin ich immer noch dabei.“ (lacht)

EN: „Bei welchem Verein hast du angefangen?“

NB: „Ich habe beim SC 08 Elsdorf angefangen. Das liegt im Randgebiet von Köln, vielleicht vergleichbar mit Pinneberg zu Hamburg, allerdings noch ein bisschen dörflicher. Dort bin ich groß geworden und habe da auch mit dem Fußball angefangen. Meine Mutter wohnt immer noch dort.“

EN: „Hast du damals schon im Mittelfeld gespielt oder auf welcher Position hast du angefangen?“

NB: „In dem Alter habe ich noch da gespielt, wo man eben eingesetzt wurde. Ich habe auch mal im Tor gespielt. Damals wollte jeder gerne mal im Tor spielen, wie das so ist als kleines Kind… Es hat sich aber relativ schnell gezeigt, dass ich mich in der vorderen Region am Wohlsten fühle.“

EN: „Von Elsdorf bist du dann zum Bedburger BV gewechselt.“

NB: „Als es Richtung Großfeld ging, bin ich nach Bedburg gegangen. Das ist bei uns im Kreis einer von zwei Vereinen gewesen, die eine wirklich gute Jugendarbeit hatten. Dort habe ich von der D-Jugend an zwei oder drei Jahre gespielt und bin dann zu Bayer Leverkusen gewechselt.“

EN: „Wie kommt man von Bedburg zu Bayer Leverkusen? Hast du in Auswahlmannschaften gespielt? Wurdest du gescoutet? Oder hast du einfach mal gesagt ‚Hey, ich bin Nick, lasst mich mal mitspielen‘?“

NB: „Bei uns auf der Ecke ist es sehr 1.FC Köln-lastig. Eigentlich ist jeder Fan vom FC oder von Borussia Mönchengladbach…“

EN: „…und dann wechselst du nach Leverkusen? Das ist dann in dem Umfeld doch neben Fortuna Düsseldorf das Schlimmste, was man machen kann, oder?“

NB: „Ja.“ (lacht) „In der E-Jugend haben wir mit Elsdorf mal ein Spiel gegen den FC gemacht. Danach habe ich dem FC einen Brief geschrieben, ob ich mal ein Probetraining machen könnte. Da kam aber leider nie was zurück. Bei Leverkusen war es so, dass die mich schon in der F-Jugend einmal zum Probetraining eingeladen hatten. Daraus ist dann aber am Ende nichts geworden. Zwei Jahre später sind sie erneut auf mich zukommen würden, leider hat es wieder nicht geklappt. Ich hätte hingehen können, aber ich wäre nur der erste oder zweite Einwechselspieler gewesen. In dem Alter will man aber viel spielen. Danach habe es in den Stützpunkt geschafft und hatte dann plötzlich die Möglichkeit, nach Leverkusen, Mönchengladbach oder zum FC zu gehen. Ich habe mich dann für Bayer entschieden, weil ich über die Jahre dort schon den einen oder anderen kannte und mich mit denen auch ganz gut verstanden hatte. Es war von der Entfernung her vielleicht die weiteste Strecke, aber ich habe mich dort am Wohlsten gefühlt. Mit Fahrdienst und dem ganzen Programm habe ich mich dann dafür entschieden.“

EN: „Das heißt, du hast weiter bei deinen Eltern gewohnt, bist dort zu Schule gegangen und nach der Schule hat Bayer Leverkusen dich abgeholt und zum Training gefahren?

NB: „Genau. Bis zur zehnten Klasse bin ich zum Gymnasium in Bergheim gegangen, dort, wo auch Lukas Podolski herkommt. Meine Mutter hat mich dann immer zur Autobahn gefahren, wo mich der Fahrdienst von Bayer Leverkusen eingesammelt hat. Dann bin ich eine Dreiviertelstunde zum Training gefahren, habe trainiert, danach wieder eine Dreiviertelstunde nach Hause, an den Schreibtisch gesetzt, Hausaufgaben gemacht und ab ins Bett. Das war natürlich schon sehr anstrengend, gerade in dem Alter, ist aber natürlich auch eine sehr gute Schule, was Dinge wie Disziplin und Ehrgeiz angeht. Nach der zehnten Klasse bin ich dann auf die Kooperationsschule von Bayer Leverkusen gewechselt, wo ich mein Abi gemacht habe. Man hatte an dieser Kooperationsschule Freistunden, die dann extra so gelegt wurden, dass man schon vormittags trainieren konnte.“

EN: „Bist du dann nach Leverkusen gezogen und hast dort im Internat gewohnt?“

NB: „Nein, das hat sich Teilinternat genannt. Ich bin morgens von mir zu Hause mit der Bahn nach Leverkusen gefahren. An dieser Stelle viele Grüße an meine Mutter, die immer mit mir morgens um 5:30 Uhr aufstehen musste, um mich zum Bahnhof zu bringen. Das war natürlich auch für meine Eltern viel Aufwand. Ich bin zur Schule gegangen und nach der Schule ins Teilinternat, wo auch Lehrer der Schule waren, die mit uns zusammen Hausaufgaben gemacht und uns auf Klausuren vorbereitet haben. Von dort ging es zum Training und danach mit dem Fahrdienst wieder nach Hause. Da haben mich meine Mutter oder mein Vater an der Autobahn wieder abgeholt. Von dort ging es dann direkt nach Hause und nur noch ins Bett. Und das an fünf Tagen die Woche.“

EN: „Leverkusen hat dadurch sichergestellt, dass du eine vernünftige schulische Ausbildung hast. Ich könnte mir vorstellen, dass das bei dem Tagesablauf gar nicht so einfach ist, immer seine Hausaufgaben zu machen, wenn man diese Unterstützung nicht hat.“

NB: „Ja, das stimmt. Zumal es in dem Alter auch mit der Jugendnationalmannschaft anfing. Da ist man im Monat schon auf einige Fehlstunden gekommen, die später nachgearbeitet werden mussten. In der zwölften Klasse habe ich überlegt, mit der Schule auf zu hören – doch das kann für meine Eltern nicht infrage. Dafür bin ich ihnen heute sehr dankbar.“

EN: „Hast du in den Leverkusener Zeit eventuell mitspielen zusammengespielt, die man heutzutage kennt, aus denen im Gegensatz zu dir was geworden ist?“ (zögert) „…ähm, das kam falsch rüber, lass mich die Frage nochmal umformulieren…“

NB: „Schon gut, ich weiß ja, was du meinst.“ (lacht) „Spieler, die später Profi geworden sind, sind zum Beispiel Danny da Costa von Eintracht Frankfurt, der letztes Jahr Pokalsieger geworden ist und wieder eine sehr starke Saison spielt. Dazu gibt es dann einige Jungs, die es zumindest in die zweite oder dritte Liga geschafft haben. Erik Zenga und Leart Paqarada vom SV Sandhausen zum Beispiel. Auch mit Gökhan Töre, der früher beim HSV war, habe ich zusammengespielt. Vom fußballerischen war er der Beste, mit dem ich je zusammengespielt habe.“

EN: „Hast du mit den Jungs, mit denen du damals zusammengespielt hast, teilweise noch Kontakt?“

NB: „Es prägt natürlich, wenn du seit deinem zwölften Lebensjahr jahrelang mit den Jungs zusammengespielt, Schule und Abitur gemacht hast. Ich habe mit einigen noch regelmäßig Kontakt, es ist aber schwierig, sich häufiger zu sehen, da wir ja alle einen engen Terminplan haben und am Wochenende mit unseren Vereinen im Einsatz sind.“

EN: „Du hast fünf Jahre bei Bayer Leverkusen gespielt und bist in der Zeit auch in die Jugendnationalmannschaft berufen worden.“

NB: „Als ich 16 Jahre alt war, haben wir das Länderturnier mit Mittelrhein ziemlich deutlich gewonnen. Damals war ich reiner Stürmer und konnte mit einigen Toren zum Erfolg beitragen. Daraufhin wurde ich mit 30 Jungs zu einem Lehrgang eingeladen und habe dort wohl einen so guten Eindruck hinterlassen, dass ich als einer von 18 Spielern für die Juniorennationalmannschaft berufen wurde, sieben U16-Länderspiele für Deutschland gemacht habe und dort auch als Kapitän aufgelaufen bin.“

EN: „Ich habe mir mal die Statistik herausgesucht. Du hast sieben Länderspiele gemacht und alle sieben gewonnen.“

NB: „Echt? Das war mir gar nicht bewusst.“ (lacht) „Direkt in meinem ersten Länderspiel gegen Belgien durfte ich als Kapitän auflaufen. Wir haben 5:1 gewonnen, ich habe das erste Tor geschossen. Das war für mich natürlich ein riesiges Highlight, das in Erinnerung bleibt. Wir haben damals auch ein Länderspiel gegen Frankreich im Olympiastadion in Berlin bestritten. Zu dem Spiel wurden die ganzen Berliner Grundschulen eingeladen, wir haben dadurch vor 25.000 Zuschauern gespielt. Wenn du 16 Jahre alt bist, ist das natürlich ein Riesenerlebnis. Bei Frankreich hat damals auch Paul Pogba mitgespielt. Das war einem aber natürlich damals noch nicht so bewusst, er war ja auch erst 16.“ (lacht) „Im Nachhinein waren das natürlich tolle Sachen, die auch nicht jeder erleben darf.“

EN: „In deiner U16-Nationalmannschaft haben auch einige Spieler mitgespielt, die man heutzutage aus der Bundesliga kennt.“

NB: „Loris Karius zum Beispiel oder Nico Schulz, der ja aktueller Nationalspieler ist. Auch Johannes Geis hat ein paar Bundesliga-Spiele gemacht und spielt zur Zeit beim 1.FC Köln in der 2. Bundesliga, ebenso wie Torwart Timo Horn. Ich durfte also schon mit einigen wirklich guten Jungs zusammenspielen.“

EN: „In der A-Jugend bist du dann von Leverkusen zu Fortuna Düsseldorf gewechselt.“

NB: „Bei mir lief es im zweiten B-Jugend-Jahr nicht so gut wie im ersten. Einen Jahrgang unter mir spielte Samed Yesil (Anm.: aktuell beim KFC Uerdingen in der 3. Liga). Der ist mit der U17 Vize-Europameister geworden. Ein Jahr später wurde er bei der U17-Weltmeisterschaft Torschützenkönig, also auch nicht so schlecht.“ (lacht) „Wie das in einem Profiverein so ist, wurde er mir dann vorgezogen. In der A-Jugend unter Trainer Sascha Lewandowski kam ich dann nicht mehr so zum Zug, so dass ich für mich entschieden habe, dass ich den Verein wechseln muss, um auf meine Spielzeiten zu kommen. Da ich zu dem Zeitpunkt mitten im Abitur steckte, wollte ich aber auch nicht die Schule wechseln. Dadurch kamen nur der 1.FC Köln und Fortuna Düsseldorf infrage. Da der 1.FC Köln damals in der Bundesliga gespielt hat und Fortuna Düsseldorf in der zweiten Liga, habe ich mich für Düsseldorf entschieden, in der Hoffnung, dass ich dort bessere Chancen habe, den Sprung nach oben zu schaffen.“

EN: „Wozu es am Ende aber nicht kam.“

NB: „In meinem ersten A-Jugend-Jahr habe ich sofort gespielt und auch meine Tore gemacht. Im zweiten A-Jugend-Jahr war ich sogar Kapitän der Mannschaft. Wir hatten im Sommer ein topbesetztes internationales U19-Turnier, unter anderem mit Juventus Turin und Tottenham Hotspurs. Das Turnier haben wir zum ersten Mal seit 50 Jahren oder so für Fortuna Düsseldorf gewonnen, ich wurde Torschützenkönig. Das war sozusagen mein Abschlussturnier, bevor es in den Herrenbereich ging. Da habe ich mir natürlich schon Hoffnung gemacht, dass ich einen Profivertrag bekomme. Leider hat man zu der Zeit bei Fortuna nicht so sehr auf die Jugend gesetzt, so dass da leider nichts kam. Ich hätte für die zweite Mannschaft spielen können, was aber aus finanziellen Gründen gar nicht machbar war. Für das Geld konnte man sich in Düsseldorf keine Wohnung leisten und dann noch halbwegs vernünftig leben.“

EN: „Woraufhin du zum SC Wiedenbrück gewechselt bist.“

NB: „Ich dachte mir, ich wage den Schritt in eine gestandene Herrenmannschaft und bin zum SC Wiedenbrück in die Regionalliga West gewechselt, genau. Dort habe ich mich relativ schnell durchgesetzt, bin allerdings von meiner Stürmerposition etwas zurück gerückt ins zentrale bzw. rechte Mittelfeld. Nach zwei Jahren bin ich dann als rechter Mittelfeldspieler zu RW Oberhausen gewechselt.“

EN: „Wie muss man sich Wiedenbrück als Verein vorstellen?“

NB: „Vom Stadion und Umfeld ist es schon sehr vergleichbar mit Eintracht. Wiedenbrück ist etwas dörflicher, in der Nähe von Gütersloh. Für mich war es der richtige Schritt, um in der Regionalliga Fuß zu fassen, da man dort auch relativ ruhig arbeiten konnte.“

EN: „Oberhausen ist dann natürlich noch einmal ein anderes Kaliber, ein Traditionsverein mit starker Fanbasis und vielen Zuschauern.“

NB: „Absolut. Für mich ging es darum, mich ein bisschen mehr in den Fokus zu spielen. Ich hätte mich auch für zwei oder drei andere Vereine entscheiden können, hatte aber bei Oberhausen von Anfang an ein gutes Gefühl. Zudem ging es dann auch wieder ein Stück weiter Richtung Heimat. Dort wollte ich es noch einmal wissen, weil ich mir dachte, das ist eventuell die letzte Chance Profi zu werden, so dass ich für zwei Jahre unterschrieben habe.“

EN: „Wie lief es in Oberhausen für dich?“

NB: „Die ersten Spiele liefen für uns nicht so gut, da kam bei den Fans schnell ein wenig Unmut auf. Ich musste mich erstmal daran gewöhnen, mit den ganzen Zuschauern ist das etwas ganz anderes, das kannte ich aus Wiedenbrück so nicht. Im Ruhrgebiet ist die Sprache der Leute ein wenig spezieller und rauer. Da muss man als junger Spieler erst einmal lernen, mit umzugehen, das ist gar nicht so leicht, wie man meint. Ich bin schon auf meine Spielzeiten gekommen, am Ende sind wir glaube ich Dritter in der Regionalliga West geworden. Ich habe dann aber für mich gemerkt, dass ich nicht mehr Champions League spielen werde und mich entschieden, meinen Vertrag aufzulösen und in Kooperation mit RWO eine Ausbildung zu beginnen. Das ist aber leider nicht zustande gekommen. Ich habe dann über Kontakte von meinem Vater, der in Hamburg wohnt, eine Ausbildung in Hamburg angeboten bekommen. Das war für mich die richtige Entscheidung, ich wollte einfach nicht mit 30 in der Berufsschule zwischen den ganzen 17 und 18-jährigen sitzen. Klar kann man versuchen Profi zu werden, aber wenn man es mit Anfang 20 nicht geschafft hat, kann ich jedem nur raten, eine Ausbildung oder ein Studium zu beginnen.“

EN: „Dein Wechsel nach Hamburg kam also erst einmal aus persönlichen Gründen zu Stande, Du hast einen Ausbildungsplatz bekommen und dir dann einen Verein gesucht?“

NB: „Genau so, ja. Für mich war klar, dass ich auch in Hamburg weiter auf gutem Niveau Fußball spielen will. Mir war schon bewusst, dass es Eintracht Norderstedt gibt. Ich kannte Regionalliga aus dem Westen aber so, dass es alles auch von den Trainingszeiten her unter Profibedingungen läuft. Das hätte mit meiner Ausbildung nicht zusammengepasst, so dass Regionalliga für mich keine Option war und ich mir einen möglichst guten Oberliga-Verein gesucht habe. Über Kontakte bin ich dann zu Altona 93 gekommen. Ich wusste ehrlich gesagt gar nicht genau, wo es mich hin verschlägt, nur dass es Oberliga war. Mein Vater kannte Altona 93 natürlich und meinte, das wäre ein geiler Club. Die Gespräche mit den Verantwortlichen waren sehr positiv und so bin ich dahin gewechselt, ohne wirklich zu wissen, was mich dort erwartet.“

EN: „Du hast drei Jahre in Altona gespielt und bist nach dem Abstieg nach Norderstedt gekommen. Wobei Norderstedt schon vorher einmal bei dir angeklopft hatte, oder?“

NB: „Ich hatte zuerst einen Vertrag über zwei Jahre bei Altona unterschrieben. Als dann klar war, dass der Verein für die Regionalliga meldet, habe ich zugesagt, dass ich im Falle eines Aufstiegs auf jeden Fall bleiben werde. Ein paar Wochen später hat Eintracht Norderstedt bei mir angerufen. Zu dem Zeitpunkt stand ich allerdings bei Altona schon im Wort und habe ihnen abgesagt. Nachdem das Regionalliga-Jahr für uns ziemlich frustrierend verlief, war für mich relativ schnell klar, dass ich weiterhin in der Regionalliga spielen möchte. Dann kam der Kontakt zu Reenald Koch relativ schnell zustande. Als sich immer mehr abzeichnete, dass wir mit Altona absteigen, habe ich in Norderstedt zugesagt.“

EN: „Gab es für dich noch andere Optionen oder war die Sache mit Norderstedt so früh klar, das andere Vereine in deinen Überlegungen gar keine Rolle gespielt haben?“

NB: „Ich hatte ein paar Anfragen aus der Regionalliga, auch aus dem Hamburger Umland. Aber für mich war relativ schnell klar, dass ich das in Norderstedt machen möchte. Das Gesamtpaket hat mir am besten gefallen, wir sind uns schnell einig geworden.“

EN: „Du hast dann ziemlich stark angefangen, sehr gute Spiele gemacht und einige Tore geschossen. Doch dann ging es leistungsmäßig ein bisschen bergab bei dir. Hing das mit deiner später diagnostizierten Erkrankung zusammen?“

NB: „Das hört sich natürlich relativ blöd an zu sagen ‚ich habe nicht mehr so gut gespielt, weil ich da schon krank war‘. Aber natürlich ist es ein beruhigendes Gefühl, wenn man weiß, dass es damit zusammenhängt, dass der Körper vielleicht nicht im optimalen Zustand war. Mein Vater sieht fast alle Spiele und sagte auch zu mir, dass er das Gefühl hatte, dass ich nicht bei 100 % war. Ich selbst habe das in dem Moment gar nicht so wahrgenommen und mich eigentlich ganz gut gefühlt. Aber wenn einem ein paar Prozent fehlen, merkt man das auf Regionalliganiveau schon. Ich hoffe, dass es wieder steil bergauf geht, sobald ich wieder fit bin, und ich dort ansetzen kann, wo ich zu Saisonbeginn war.“

EN: „Auf die nächste Frage hast du sicherlich schon gewartet… eines schönen Tages stand über Dich das Zitat „Ich denke, dass Nick eine Verstärkung für Erst- und Zweitliga-Teams wäre, wobei ich ihm die Bundesliga aufgrund seiner fußballerischen Klasse absolut zutraue“ auf Fussifreunde.de, was sich dann rasend schnell verbreitete und am nächsten Tag in allen Hamburger Zeitungen zu lesen war. Absender war dein damaliger Altona-Trainer Berkan Algan. Was denkt man als Oberliga-Spieler, wenn man so etwas über sich liest?“

NB: „Mich hat das damals sehr überrascht. Ich habe es mitbekommen, weil ich auf einmal sehr viele Facebook-Benachrichtigungen bekommen habe, ohne dass ich selbst etwas gepostet hatte. Natürlich freut es einen sehr, so etwas über sich selbst in der Zeitung zu lesen. Berki ist ein spezieller Typ und wenn er so gesehen hat, freut es mich natürlich. Aber das war für mich natürlich utopisch, dafür bin ich auch realistisch genug.“

EN: „Hat sich denn mal ein Erst- oder Zweitligist bei dir gemeldet?“

NB: „Das bin ich natürlich schon häufiger gefragt worden, aber nein, es hat sich niemand gemeldet. Wenn es der Fall gewesen wäre, hätte ich es natürlich gerne versucht, so ist es nicht.“ (lacht) „Für mich war es jetzt aber nicht so, dass ich daraufhin noch mal alles auf die Profikarte gesetzt hätte. Ich konnte das schon sehr gut einschätzen.“

EN: „Ein paar deiner ehemaligen Mitspieler spielen ja mittlerweile in der ersten oder zweiten Fußball-Bundesliga. Denkt man manchmal darüber nach ‚was wäre, wenn ich es auch geschafft hätte‘, freut man sich für seine Mitspieler oder ist man sogar ein bisschen neidisch?“

NB: „Natürlich hatte man immer den Traum, Fußballprofi zu werden. Aber irgendwann muss man sich damit abfinden, dass es eben nicht jeder schaffen kann. Ich konnte es glücklicherweise ganz gut einordnen und trauere dem nicht nach. Ich weiß, wo ich im Leben stehe mit Beruf und Studium. Bis ich meine Ausbildung angefangen habe, habe ich in meinem Leben nie gearbeitet oder gejobbt. Es drehte sich alles um Schule und Fußball. Von daher bin ich froh zu wissen, wie es ist, für sein Geld hart zu arbeiten. Ich gönne es jedem, der es in den Profibereich schafft, weder bei mir noch in meinem Freundeskreis gibt es Neid, dass der eine Profi geworden ist und der andere nicht. Man freut sich für den anderen. Wir waren zum Beispiel mit zehn Jungs beim DFB-Pokalfinale in Berlin und haben uns über den Pokalsieg von Eintracht Frankfurt wahrscheinlich mehr gefreut, als Danny da Costa selbst.“ (lacht)

EN: „Wie würdest du dich selbst als Spielertyp beschreiben, wo sind auf dem Platz deine Schwächen?“

NB: „Ich fühle mich im zentralen Mittelfeld am wohlsten. Es muss nicht zwingend auf der Zehnerposition sein, aber auf jeden Fall auf einer Position, wo man oft am Ball ist. Ich denke, ich habe ein gutes Passspiel und einen guten Abschluss. Meine Stärke ist es, wenn ich von hinten in die Spitze reinstoßen oder aus der zweiten Reihe schießen kann.“ 

EN: „Hast du vor Spielen ein besonderes Ritual?“

NB: „Nein, gar nicht. Die einzige Angewohnheit, die ich habe, ist es, dreimal auf Holz zu klopfen. Das ist allerdings in allen Lebenslagen der Fall: wenn ich mal negative Gedanken habe, klopfe ich dreimal auf Holz. Aber es gibt keine fußballspezifische Macke wie den linken Schienbeinschoner zuerst anzuziehen oder erst mit dem rechten Fuß das Spielfeld betreten.“

EN: „Wenn du deine bisherige Karriere Revue passieren lässt, welche Highlights bleiben dir in Erinnerung?“

NB: „Auf jeden Fall die Spiele für die Jugend-Nationalmannschaft, insbesondere natürlich das vorhin angesprochene Spiel gegen Frankreich in Berlin. Dann das Niederrhen-Pokalfinale mit Oberhausen gegen Rot-Weiß Essen in Essen. Ein echtes Ruhrpott-Derby im ausverkauften Stadion. Ich durfte von Anfang an spielen, das Spiel ging bis ins Elfmeterschießen. Leider haben wir verloren, aber es war ein tolles Erlebnis, so etwas als Spieler mitzuerleben. Das sind die Spiele, für die man Fußball spielt. Wenn man aus Oberhausen über die Stadtgrenze nach Essen fährt und dort überall auch von kleinen Kindern schon „nett“ begrüßt wird, dann spürt man sofort die Emotionen. Und wenn die alle gegen dich sind, macht das schon Laune und motiviert. Dann hatten wir mit dem SC Wiedenbrück die Chance, im DFB-Pokal gegen Fortuna Düsseldorf zu spielen und haben in der Nachspielzeit in Düsseldorf durch einen Elfmeter gewonnen. In der zweiten Runde haben wir aber das Traumlos und den Zuschauermagneten SV Sandhausen gezogen.“ (lacht) „Leider haben meine Freunde damals noch nicht in Sandhausen gespielt. Aber es war schon bitter, Sky war zur Auslosung bei uns im Vereinsheim, alle haben auf Lose wie Dortmund, Schalke, Mönchengladbach oder Bayern gehofft… 11Freunde haben danach über uns berichtet, wie man sich freut, wenn man das Traumlos Sandhausen zieht.“ (lacht) „Wir haben in dem Spiel mit 1:0 geführt, am Ende aber leider 1:3 verloren. Ein tolles Erlebnis war natürlich auch das Freundschaftsspiel mit Altona 93 gegen West Ham United. Gegen solche Topspieler aus der Premier League zu spielen und sogar ein Tor zu schießen, ist natürlich für jeden Amateurfußballer ein riesiges Highlight.“

EN: „Gibt es noch Ereignisse, die dir negativ im Gedächtnis geblieben sind?“

NB: „Hart war natürlich, als ich bei Bayer Leverkusen aussortiert wurde, den Auflösungsvertrag habe ich an meinem 18. Geburtstag unterschrieben, das war schon heftig. Ansonsten habe ich aus allem meine Schlüsse gezogen, selbst wenn es negativ war. Das Elfmeterschießen gegen Rot-Weiß Essen zu verlieren und dann noch ordentlich von den Essener Fans beleidigt zu werden, war natürlich auch in gewisser Weise ein negatives Highlight.“

EN: „Dann war das Spiel also ein Positiv- wie Negativerlebnis für dich?“

NB: „Auf jeden Fall, ja. Das Spiel im Elfmeterschießen zu verlieren war schon brutal. Aber wenn man im Nachhinein darauf zurückblickt, war das ganze Spiel mit dem Drumherum schon eine sehr geile Geschichte. Die Bilder bleiben auf jeden Fall im Kopf.“

EN: „Wenn ich die anderen Spieler in den Interviews nach ihren Highlights befragt habe, haben eigentlich alle das erste Oddset-Pokalfinale gegen Altona 93 genannt. Du standest in dem Spiel auf der anderen Seite. Wie hast du das Spiel erlebt?“

NB: „Auf das Oddset-Pokalfinale werde ich in der Kabine immer noch angesprochen, gerade von Lüne (Anm.: Stürmer Jan Lüneburg).“ (lacht) „Das war natürlich auch ein sehr bitterer Moment. Wir als Oberligist gegen den Favoriten aus der Regionalliga bei bestem Fußball Wetter. Da war eine Stimmung, wie es sie wohl nur selten im Oddset-Pokalfinale gab. Wir gehen nach einer Wuselecke glücklich in Führung. Dann bekommen wir in der Nachspielzeit diesen abgefälschten Schuss rein und dann in der Verlängerung von Lüne dieser Schuss, wo ich mich heute noch frage, wie er das gemacht hat. Danach sind wir dann eingebrochen. Ich hoffe, dass ich den Oddset-Pokal nun mit Eintracht Norderstedt mal in die Höhe stemmen darf. Wobei jetzt natürlich erst einmal der Klassenerhalt über allem steht.“

EN: „Damit hast du die Frage nach deinem Ziel mit Eintracht eigentlich schon beantwortet. Pokalsieg und Klassenerhalt.“

NB: „Das wichtigste ist, den Klassenerhalt zu schaffen. Die Qualität dazu sollten wir auf jeden Fall haben, auch wenn das mit den ganzen Verletzten jetzt natürlich unglücklich ist. Ich hoffe, ich kann zum Saisonende wieder mitspielen und zum Klassenerhalt beitragen.“

EN: „Wenn du für Eintracht Norderstedt einen deutschen Spieler deiner Wahl holen könntest… wer wäre das?“

NB: „Ich würde aktuell Leroy Sané holen. Der würde uns auf der Außenbahn mit seinem Tempo ganz gut zu Gesicht stehen. Vorne in der Mitte sind wir ja auch von der Körpergröße her sehr gut besetzt und hätten dort den einen oder anderen Abnehmer für seine Flanken. Ich würde ihm gerne mal für seine Flankenläufe den Ball in die Gasse spielen.“

EN: „Für welchen Verein würdest du selbst gerne mal spielen?“

NB: „Eigentlich bin ich ja Schalke-Fan, aber zur Zeit würde mir das wohl nicht so viel Spaß machen.“ (lacht) „Ein Traum von mir war es immer, einmal in der Premier League zu spielen. Für Manchester United oder City zu spielen, würde auf jeden Fall Bock machen.“

EN: „Auch ohne Leroy Sané: warum sollen die Zuschauer nach zu Eintracht ins Stadion kommen?“

NB: „Ich denke, wir sind eine sehr homogene Truppe. Wir sind keine Vollprofis und machen das alles in unserer Freizeit, die Jungs arbeiten oder studieren fast alle, das sollte man auch immer wertschätzen. Ich hoffe, dass auch weiterhin bei uns im Stadion so viele Tore fallen, nur dass die bitte auf der richtigen Seite fallen und wir im Gegenzug unsere Gegentorquote verringern können. Für Spektakel ist aber immer gesorgt.“

EN: „Vielen Dank für deine Zeit, Brise, und weiterhin gute Besserung!“