2018 – Februar: Felix Drinkuth

17 - Felix Drinkuth3 (Anne) Vor anderthalb Jahren kehrte der „verlorene Sohn“ Felix Drinkuth nach Stationen beim FC St. Pauli und Eintracht Braunschweig zurück nach Norderstedt. Der sympathische Offensivspieler verrät uns, wie er Schüler-Weltmeister wurde, wie es dazu kam, dass er mitten in einer englischen Woche ohne Vorbereitung spontan den Hamburg-Marathon lief, Unterschiede zwischen dem Profi- und dem Amateurleben und warum ihm das Leben als Amateur besser bekommt als das Leben als Profi.

EN: „Hallo Felix, vielen Dank dass du dir die Zeit nimmst, dich den Eintracht-Fans ein wenig näher vorzustellen. Also: Wer bist du?“

FD: „Sehr gerne. Ich bin Felix – mit vollem Namen Felix Wolfgang Werner – Drinkuth, 23 Jahre alt und bin im Sommer 2016 zu Eintracht Norderstedt gewechselt. Aktuell mache ich eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Neben dem Fußball gehe ich gerne noch zusätzlich zum Sport oder treffe mich mit Freunden.“

EN: „Hast du sonst noch irgendwelche Hobbys, denen du nachgehst?“

FD: „Ich habe mir vorgenommen, alle zwei Jahre einen Marathon zu laufen. Und wenn ich mal eine ruhige Minute habe, zeichne ich sehr gerne. Das habe ich als Kind schon gemacht. In meiner Zeit bei Eintracht Braunschweig, wo ich relativ viel Freizeit hatte, habe ich das für mich wieder entdeckt und auch beibehalten, wenn ich abends mal ein bißchen früher zu Hause bin oder am Wochenende Zeit habe.“

EN: „Zeichnest du irgendwas bestimmtes?“

FD: „Landschaften und Comics zum Beispiel. Oder Grafittis. Nur bei Personen tue ich mich noch schwer. Aktuell habe ich gerade mit meinem Cousin Philipp Koch zusammen eine Tattoo-Idee, die wir gerne in die Tat umsetzen wollen. Wir wollen uns unsere Rückennummern in einer von mir kreierten Schrift tätowieren lassen. Für ihn hat es die Bedeutung, dass es das letzte Spiel für ihn als Kapitän war, deswegen lässt er sich noch ein „C“ drumherum tätowieren. Für mich sind es die beiden Nummern in Verbindung mit Norderstedt und Familie.“

EN: „Hattest du Rückennummer 17 schon vor deinem Wechsel nach Norderstedt?“

FD: „Die 17 begleitet mich schon, seit ich im Herrenbereich bin. Ich hatte die Nummer bei St.Pauli in der U23, bei Eintracht Braunschweig im zweiten Jahr – im ersten Jahr war die Nummer dort noch vergeben – und jetzt halt in Norderstedt.“

EN: „Das heißt das ist jetzt für dich sowas wie eine Bedingung: Wenn mich jemand verpflichten will: die Nummer 17 ist Bedingung?“

FD: „Nee, so schlimm es ist es nicht.“ (lacht) „Aber die 17 ist schon meine Lieblingszahl, wenn man das so sagen kann.“

EN: „Du hast gerade schon etwas angefangen, Vereine aufzuzählen. Kannst du uns was zu deinem fußballerischen Werdegang erzählen?“

FD: „Angefangen habe ich damals noch beim 1.SC Norderstedt, da war ich fünf Jahre alt. Mein erster Trainer war mein Vater, der das mit einem Freund zusammen gemacht hat. Am Anfang waren wir noch ein paar Freunde, die zusammen gekickt haben. Dann wurde es immer professioneller, Mete Öztunali (Anm.: Vater von Mainz 05-Profi Levin Öztunali) kam als Trainer, danach Aki Cholevas… Aki ist ein harter Hund, spätestens da war es dann richtig leistungsbezogen. Aber ich halte ihn für einen sehr, sehr guten Trainer und habe unter ihm sehr viel gelernt. Nach der D-Jugend bin ich dann zum FC St. Pauli gewechselt.“

EN: „Wie kam das zustande?“

FD: „In meinem letzten Jahr unter Aki habe ich in einer Saison 50 Tore geschossen. Kwasi Okyere Wriedt, der mittlerweile bei Bayern München spielt, hat quasi das gleich bei Cordi geschafft. Dadurch sind die auf uns beide aufmerksam geworden, so dass wir dann zu Pauli gewechselt sind. Bei Pauli hatte ich das Glück, dass ich schon in der Vorbereitung als jüngerer Jahrgang in die B-Jugend hochgezogen wurde und dann plötzlich gegen Jungs gespielt habe, die älter, größer und mir körperlich deutlich überlegen waren. Das hat mich ein ganzes Stück weiter gebracht. Da hast du dann plötzlich auch nicht mehr gegen Hamburger Vereine gespielt, sondern gegen Clubs wie Borussia Dortmund – aber eben alle zwei, drei Jahre älter als ich.“

EN: „Dann hast du bis hoch in den Herrenbereich bei St. Pauli gespielt.“

FD: „Ja, vom jüngeren Jahrgang C-Jugend bis zum ersten Jahr im Herrenbereich bei der U23 habe ich für St.Pauli gespielt. Ich habe mir damals in der B-Junioren Bundesliga unter Trainer Hansi Bargfrede (Anm.: Vater von Werder Bremen-Profi Philipp Bargfrede) eine Schambeinentzündung zugezogen. Das war eine relativ ungewisse Zeit, weil man bei sowas absehen kann, wie lange das dauert. Da hat St.Pauli mich dann bis zur A-Jugend langfristig gebunden. Dieses Vertrauen war eine tolle Geste von St.Pauli und für mich natürlich auch eine Absicherung.“

EN: „Wie ging es dann weiter?“

FD: „Ich bin damals auf Coppernicus-Gymnasium hier in Garstedt gegangen. 2011 habe ich die Möglichkeit bekommen, auf die Julius-Leber-Gesamtschule in Schnelsen zu wechseln, die Kooperationsschule von St.Pauli. Dadurch konnte ich zwei Mal in der Woche vormittags zum Training gehen, während die anderen Unterricht hatten, musste das aber selbständig mit Hilfe von Nachhilfelehrern nacharbeiten. Von daher unterscheidet es sich nicht großartig  von meinem jetzigen Leben, dass ich morgens um sieben das Haus verlasse und dann um 21.30 Uhr wieder zu Hause war. Das geht eigentlich schon so, seit ich 16 Jahre alt war.“

EN: „Bekommt man da nicht das Gefühl, das man in der Jugend was verpasst? Die anderen gehen feiern und du sagst „nee, danke, geht nicht, ich muss morgen früh zum Fußball?“

FD: „Man ist sich dessen schon bewußt, klar. Aber es zwingt mich ja keiner dazu, Fußball zu spielen, ich mache das ja gerne und aus Leidenschaft. Manchmal ist es natürlich schon schwer, wenn du Samstag morgen los fährst in Richtung Cottbus, wo einfach mal nichts los ist, und du abends auf dem Hotelzimmer liegst, damit du Sonntag früh Fußball spielen kannst, während deine Freunde Party machen. Dann liest du in den Gruppenchats „was für eine geile Party“ und „unvergessliche Nacht“, während du eventuell sogar verloren hast und schlecht gelaunt Sonntag nachmittag acht Stunden mit dem Bus nach Hause fährst.“

EN: „Aber dafür wirst du in deiner Fußballerlaufbahn sicher auch Erlebnisse gehabt habe, wo dich andere drum beneiden.“

FD: „Ja, auf jeden Fall, da wird man schon oft ausgefragt. Gerade jetzt in der Berufsschule fragen die schon oft, was man so erlebt hat oder wie es unter „Braunschweig-Bedingungen“ so war. Die sind schon sehr interessiert, wie meine Seite des Lebens aussieht.“

EN: „Braunschweig ist natürlich ein sehr gutes Stichwort. Nach deinem ersten Jahr in der Regionalliga bei der U23 von St. Pauli bist du zu Eintracht Braunschweig gewechselt.“

FD: „Als wir in der Regionalliga gegen Eintracht Braunschweig gespielt haben, hat Torsten Lieberknecht, Trainer der ersten Mannschaft von Eintracht Braunschweig, zugeguckt, weil in dem Spiel mehrere Spieler aus der ersten Mannschaft ausgeholfen haben. In dem Spiel habe ich ihn wohl überzeugt… mein Berater ist dann mit Lieberknecht in Kontakt gekommen. Ich habe davon ehrlich gesagt gar nicht viel mitbekommen, weil ich zu der Zeit gerade mein Abi geschrieben habe, das lief alles eher nebenbei. Nach einem Spiel habe ich mich mit deren U23-Trainer, dem Co-Trainer und deren Sportpsychologen getroffen. Das war ein supernettes Gespräch über drei oder vier Stunden. Ich habe signalisiert, dass ich mir einen Umzug in eine andere Stadt durchaus vorstellen könnte. Dann kam eins zum anderen, Braunschweig hat mir eine Wohnung gestellt und ich bin drei, vier Tage nach meinem Abi nach Braunschweig gezogen. Mein Berater und Braunschweig haben das alles organisiert, damit ich mich aufs Abi konzentrieren konnte.“

EN: „Und du musstest nur noch „Ja und Amen“ sagen?“

FD: „Die Wohnung durfte ich mir selbst aussuchen.“ (lacht) „Im Endeffekt hätte es nicht besser laufen können.“

EN: „Weil du den Sprung nach oben in Braunschweig nicht geschafft hast, bist du vor anderthalb Jahren zurück nach Norderstedt gekommen, um hier eine Ausbildung anzufangen?“

FD: „Da muss ich ein bißchen weiter ausholen. Zu St. Pauli-Zeiten hatte ich das klare Ziel, Profi-Fussballer zu werden. Damals gab es ja nur Schule und Fußball. Dann bin ich nach Braunschweig gewechselt, ebenfalls mit dem Ziel, Profi zu werden. Ehrlich gesagt hatte ich mir da auch gute Chancen ausgerechnet, mich zumindest in der Vorbereitung mal oben zeigen zu können, zumal ja Trainer Torsten Lieberknecht das Interesse an mir hatte. Leider hat sich das nie ergeben. Ich hatte in Braunschweig zwei sehr gute Jahre, war Leistungsträger, im zweiten Jahr sogar teilweise Kapitän. Im Sommer habe ich dann die Möglichkeit bekommen, mit der ersten Mannschaft ins Trainingslager nach Österreich zu fahren. Das ist für mich eigentlich sehr gut gelaufen, ich habe sogar in einem Testspiel – ich glaube es war gegen Dynamo Kiew – ein Tor gemacht, aber das war leider Abseits. War es eigentlich nicht, aber der Schiri hat auf Abseits entschieden, keine Ahnung warum.“ (lacht) „Ich wurde von Torsten Lieberknecht für das Trainingslager sehr gelobt, bin dann natürlich auch mit einem ganz anderen Selbstbewußtsein wieder zur U23 gestoßen. Aber irgendwie habe ich trotzdem oben nie die Chance bekommen, stand nicht mal im Kader der Zweitliga-Mannschaft. Und da ist dann in mir der Gedanke gereift, dass ich mir lieber erst einmal ein zweites Standbein neben dem Fußball aufbaue.“

EN: „Gab es denn keine Angebote von anderen Profi-Vereinen?“

FD: „Doch, ich hatte auch Angebote aus der 3.Liga, aber das war mir alles zu schwammig, weil man nicht wusste, wie lange man dann in der 3.Liga bleibt, reicht das Geld zum Leben… deswegen habe ich mir gesagt, ich gehe erst einmal zurück nach Norderstedt, mache meine Ausbildung und wenn ich damit fertig bin, bin ich immer noch erst 24 Jahre alt. Wenn dann was Interessantes kommt, höre ich es mir an. Das war mein Plan.“

EN: „Das war dein Plan. Und jetzt?“

FD: „Mittlerweile habe ich Fußball wieder als Ausgleich gefunden, ich verspüre nicht mehr den Druck, den man hat, wenn man nur Fußball spielt. Deswegen finde ich es so, wie es jetzt gerade ist, ehrlich gesagt am Besten. Es ist hier in Norderstedt einfach superschön und entspannt. Ich habe hier mit fünf Jahren angefangen, habe jede Veränderung mitbekommen, wie sich hier alles entwickelt und wächst. Man kennt alles und jeden. Dieses heimische und familiäre Gefühl möchte ich ungerne aufgeben. Klar, wenn irgendwas interessantes „von oben“ kommt, hört man es sich an. Bei meinem Berater gehen auch immer mal wieder Anfragen ein, aber da war bis jetzt nichts bei, wo ich Eintracht für aufgeben würde.“

EN: „Wie lange läuft deine Ausbildung noch?“

FD: „Ich habe von drei Jahre auf zweieinhalb verkürzt. Also ein Jahr noch.“

EN: „Das heißt, du wirst auf jeden Fall deinen Vertrag verlängern?“

FD: „Ach ja, der Vertrag läuft ja aus, nä?“ (lacht)

EN: „Ich meine, als bodenständiger Norderstedter Jung muss man ja seine Ausbildung erstmal beenden, oder?“

FD: „Ja, das stimmt.“ (lacht) „Es gab noch keine direkten Gespräche mit Reenald, aber die wird es sicher bald geben.“

EN: „Springen wir nochmal kurz zurück zur Braunschweit-Zeit… das Training war dort unter Profi-Bedingungen wahrscheinlich anspruchsvoller, aber dafür hattest du auch viel Freizeit, oder?“

FD: „Wir haben im Regelfall fünf Tage die Woche trainiert, mittwochs und donnerstags jeweils zwei Mal, am Wochenende dann an einem Tag gespielt und einen Tag frei. Man hatte schon viel Training, aber auch sehr viel Freizeit.“

EN: „Wie nutzt man die, wenn man alleine in einer fremden Stadt ist?“

17 - Felix Drinkuth4 (Marcus)FD: „Ja… da entdeckt man dann ganz neue Interessen und Hobbys.“ (lacht) „Als der Umzug durch war und meine Freunde und Familie wieder zu Hause waren, saß ich alleine in meiner Wohnung und dachte ‚Okay, was machst du jetzt alleine in einer fremden Stadt? Du kennst hier ja keinen.‘ Ich wusste nur, dass der zweite Torwart von Braunschweig, Marcel Engelhardt, in der Jugend beim HSV gespielt hat. Wir kannten uns, aber hatten nie großartig Kontakt. Also habe ich mir mein Fahrrad geschnappt und bin ein bißchen durch Braunschweig gefahren, die Stadt etwas erkunden. In dem Moment ruft mich Marcel Engelhardt an. Er hatte gehört, dass ich jetzt auch in Braunschweig sei, ob ich nicht Lust hätte, was trinken zu gehen. Das hat mir sehr geholfen, weil ich sofort einen Ansprechpartner in der Stadt hatte.“

EN: „Und für dich persönlich? Zum ersten Mal weg von Zuhause und auf eigenen Beinen?“

FD: „Ich habe mich in Braunschweig sicherlich sehr weiter entwickelt, weil man plötzlich auf sich alleine gestellt ist. Selbst wenn es nur so etwas wie Kochen oder Wäsche waschen ist, dass wurde einem zu Hause ja immer abgenommen. Ich habe viel gezeichnet, bin viel zusätzlich zum Fitness gegangen. Außerhalb des Fußballs hatte ich kaum soziale Kontakte, aber man hat dann eben viel mit den Jungs aus der Mannschaft unternommen, hat FIFA gespielt oder ist Essen gegangen. Vielleicht hat man die Zeit nicht sinnvoll genutzt. Aber man hat sie genutzt.“ (lacht)

EN: „Das heißt, man muss sich schon gezielt eine Beschäftigung suchen?“

FD: „Ja. Gerade ich, der sonst immer komplett durchgetaktet war mit Schule und Training… ich musste mir dann einfach eine Beschäftigung suchen, sei es ein Fernstudium oder etwas anderes, wo man die Birne ein bißchen anstrengen muss. Anders hätte ich es nicht gekonnt. Deswegen möchte ich eigentlich auch nicht „nur“ Fußball spielen, das wäre mir zu langweilig.“

EN: „Wenn man deine Erfahrungen aus Braunschweig mal zu jetzt in Vergleich setzt: Wo ist – sportlich gesehen – der Unterschied zwischen Profi-Dasein und Amateur? Wieviel mehr kann man aus sich rausholen, wenn man nicht nebenbei noch arbeiten geht, sondern sich ganz auf Fußball konzentrieren kann?“

FD: „Was das fußballerische angeht, habe ich mich auf jeden Fall in Braunschweig deutlich weiter entwickelt. Dadurch, dass du so viel trainierst, bist du halt super durchtrainiert und megafit. Unser Trainer Henning Bürger war sehr auf Athletik aus, dass kam mir sehr entgegen, da ich ja auch recht schnell und athletisch bin. Da kannst du auch in der 88. Minute noch einen Sprint anziehen, den du als nicht-Profi vielleicht nicht mehr mitgehen kannst.“

EN: „Das heißt, du merkst schon einen Unterschied?“

FD: „Ja, auf jeden Fall. Auch die simplen Dinge wie der erste Ballkontakt, Ballan- und mitnahme, Spielübersicht, da kann man durch Fitness viel rausholen. Wir haben im Training auch oft gegen die Profis gespielt. Da hast du dann Zweitliga-Spieler gegen dich, das schult einen sehr.“

EN: „Gab es mal eine Erklärung, warum du es nicht in den Zweitliga-Kader geschafft hast?“

FD: „Das fing schon zu Pauli-Zeiten an. Alle sagen, ich würde alles mitbringen für den Profi-Fußball, aber ich habe nicht diese dreckige Einstellung. Also einfach mal einen umtreten auf dem Platz, einfach mal Arschloch sein…“

EN: „Du bist zu nett?“

FD: „Ja, offensichtlich.“ (lacht)

EN: „Wenn man eine ganze Weile unter Profibedingungen gelebt hat und sich nur auf Profi-Fussball konzentrieren konnte und dann den Schritt zurück in die harte Realität macht, wo man neben Fußball spielen auch noch arbeiten muss… wie schwer fällt einem die Umstellung?“

FD: „Ich stehe ehrlich gesagt immer um 7.00 Uhr auf, egal ob ich frei habe oder nicht. Ich kann einfach nicht länger schlafen, das ist vielleicht ein Vorteil. Von den Bedingungen her ist es mir lieber so, wie es jetzt ist. Ich mag es, wenn der Tag voll ist, anstatt sich jeden Tag wieder eine Beschäftigung suchen zu müssen. Aber die ersten Wochen der Umgewöhnung waren schon hart, weil die Belastung eine ganz andere ist.“

EN: „Du hast eingangs angesprochen, dass du gerne jedes zweite Jahr einen Marathon laufen würdest. Wieviele bist du denn bislang gelaufen?“

FD: „Zwei. Einen in Hamburg, einen in Stockholm. Ich habe mich allerdings auf beide nicht vorbereitet, ich dachte, Fußballtraining reicht aus.“ (lacht) „Meine Mutter hat mich am Donnerstag angerufen, ob ich am Wochenende nach Hamburg kommen würde, beim Marathon zugucken. Ich meinte, großkotzig wie ich bin, zu ihr ‚ja, ich komme hoch. Aber warum zugucken, wenn dann laufe ich den mit.‘ Sie hat mich nicht ernst genommen. Ich habe ihr gesagt ‚besorg mir eine Startnummer und ich laufe den‘. Die Startnummern ware alle schon vergeben, aber dann hat ein Freund von mir seine Startnummer bei Facebook vergeben, weil er nicht konnte. Ich habe die dann bekommen und bin unter seinem Namen gelaufen. Lief soweit auch ganz gut, aber hinter der Ziellinie habe ich dann die Quittung dafür bekommen, ich habe einen brutalen Wadenkrampf bekommen und eine ziemlich große Blutblase, weil ich die falschen Schuhe anhatte. Ich habe nach dem Marathon mal einen Nike-Experten gefragt, der meinte, die Schuhe die ich anhatte, hatten eine Laufkapazität von 5 Kilometern. Ich bin damit 42 gelaufen. Der hat mich angeguckt, als wäre ich bekloppt.“ (lacht) „Ich wollte dann nach dem Marathon mit dem Taxi nach Hause fahren, habe aber einen heftigen Krampf im Oberschenkel/Adduktorenbereich bekommen und konnte mich nicht hinsetzen. Ich lag dann auf der Straße und habe geschrien, das war nicht so schön. Ich bin schließlich im Stehen zurück gefahren, weil ich mich nicht bewegen konnte.“

EN: „Und das war während der Saison?“

FD: „Ja, es war sogar in einer englischen Woche… Ich habe Freitag 90 Minuten in Hildesheim gespielt, hatte Samstag Training wo ich ausgelaufen bin und bin dann am Sonntag den Marathon gelaufen. Und am Mittwoch hatten wir ein Spiel in Schilksee…“

FD: „Wie lief das Schilksee-Spiel mit einem Marathon in den Knochen?“

FD: „War Witzig. Zumal Holstein Kiel da war, um mich zu beobachten.“ (lacht) „Aber ich wollte den Marathon unbedingt mitlaufen. Wir haben in Schilksee 2:1 gewonnen, ich habe sogar das 2:0 vorbereitet, also alles gut.“

EN: „Und was hat dein damaliger Eintracht Braunschweig dazu gesagt?“

FD: „Dadurch, dass es eine sehr spontane Entscheidung war, wussten die davon gar nichts. Kann natürlich sein, dass die es mittlerweile wissen, aber ich habe meine Leistung gebracht, wir haben gewonnen, also kann man mir eigentlich nichts vorwerfen. Nur mein Physio hatte gut mit mir zu kämpfen, mich für das Schilksee-Spiel wieder fit zu bekommen.“ (lacht)

EN: „Im Jahr 2011 hast du bei der Schüler-WM in Brasilien mitgespielt.“17 - Felix Drinkuth (Anne)

FD: „Das war auf jeden Fall eines meiner großen fußballerischen Highlights. Das hat zwar nicht unbedingt Vereins-Niveau, obwohl eigentlich alle Spieler auch da schon höherklassig gespielt haben. Aber es ist natürlich eine Ehre, dahin zu fliegen und Deutschland vertreten zu dürfen, um dann im Finale mit 4:3 gegegen die iranische U17-Nationalmannschaft zu gewinnen. Wir wussten, dass die von der Wehrpflicht befreit werden, wenn sie das Turnier gewinnen und für uns ging es um die goldene Ananas. Und am Ende haben wir trotzdem gewonnen. Ist natürlich irgendwie fies…“

EN: „… aber so ist eben Sport.“

FD: „Das ist Sport, ja. Man spielt ja, um zu gewinnen.“

EN: „Wieviele Spiele habt ihr da bestritten?“

FD: „In der Gruppenphase gegen Italien, da haben wir 3:0 gewonnen und ich habe alle drei Tore gemacht. Das war schon richtig cool, ein guter Start ins Turnier. Gegen Dänemark haben wir gespielt, gegen Slowenien und gegen eine weitere Mannschaft, auf die ich jetzt nicht komme. Es waren auf jeden Fall coole Gegner und tolle Erfahrungen. Im Viertelfinale haben wir nochmal gegen Dänemark gespielt, im Halbfinale gegen die Slowakei und dann halt gegen den Iran, die in ihrer Gruppe durch marschiert sind und im Finale gegen uns verloren haben.“

EN: „Ist dir da etwas besonders in Erinnerung geblieben?“

FD: „Das war schon witzig wie alle Mannschaften zusammen zum Frühstück gekommen sind, einheitlich im Trainingsanzug und auf ihre Ernährung geachtet haben. Für uns war es einfach nur ein Event, den wir als cooles Erlebnis mitgenommen haben, in Badelatschen, Bermuda-Shorts und Unterhemd zm Frühstück, am Büffet erstmal drei Stück Kuchen reingehauen und so.“ (lacht)

EN: „Für Euch war es also mehr Klassenfahrt als ernsthafter Sport-Event?“

FD: „Ja, obwohl wir natürlich wussten, dass die anderen auch Spieler dabei hatten, die höherklassig gespielt haben. Frankreich war zum Beispiel da, die Jungs haben alle entweder bei Marseille oder bei Lyon gespielt.“

EN: „Wie seid ihr dazu gekommen, an dem Turnier teil zu nehmen?“

FD: „Wir mussten uns dafür qualifizieren. Wir sind erst Hamburger Schülermeister geworden und haben dann Hamburg bei den Deutschen Schülermeisterschaften in Berlin vertreten. Die Jungs, die da gespielt haben, kannten wir auch alle aus der B-Junioren-Bundesliga. Vom Prinzip her waren das alle die Koopeationsschule von Profi-Vereinen, die daran teilgenommen haben. Wir waren ja eigentlich auch der FC St. Pauli, nur halt unter dem Namen der Julius-Leber-Gesamtschule. Bremen wurde zum Beispiel komplett von Werder Bremen vertreten, Energie Cottbus, Hertha BSC waren auch da… man kannte sich halt. Das war schon ein richtig starker Event. Im Finale haben wir gegen Cottbus gespielt mit Leo Bitencourt (Anm.: jetzt beim 1.FC Köln) und Martin Kobylanski (Anm.: Jetzt bei Preußen Münster/3.Liga), also richtig namhafte Gegner. Da haben wir dann 1:0 gewonnen und ich habe das Tor geschossen. Lief also ganz gut.“

EN: „Und am Ende seid ihr nach Brasilien gereist…. Du reist generell sehr gerne, oder?“

FD: „Ja, auf jeden Fall. Ich habe mir fest vorgenommen, das nach der Ausbildung auch noch mehr zu tun. Momentan ist es mit Fußball und Berufsschule schwer. Wenn Fußball in die Pause geht, habe ich noch Berufsschule. Und wenn ich von der Berufsschule Ferien habe, geht Fußball wieder los. Ich kann von daher momentan nur maximal fünf oder sechs Tage weg.“

EN: „Wo warst du schon überall?“

FD: „Kanada, Brasilien, Dubai, Türkei, Tunesien und viele europäische Städte wir Barcelona, Rom, London…. Eigentlich schon eine ganze Menge in meinem Alter.“

EN: „Gibt es irgendwas, wo du unbedingt hin willst?“

FD: „Da gibt es genug Orte, ja. Wenn später das Geld stimmt, man die Zeit hat und vielleicht nicht unbedingt alleine los muss. Malediven unbedingt. USA würde ich sehr gerne mal sehen, weil ich da noch nie war. Australien, Mexiko… ich würde auch mal nach Singapur in diesen Infinity Pool.“ (Anm.: Riesiger Pool auf einem Hoteldach, von dem man einen Überblick über die gesamte Stadt hat) „Das sind so die Sachen, die ich unbedingt mal machen möchte. Aber erstmal die Ausbildung abschließen.“

EN: „Hast du schon eine Idee was du machst, wenn du mit der Ausbildung durch bist? Arbeiten? Studieren?“

FD: „Am liebsten als Profi mit Eintracht in der 3.Liga spielen.“ (lacht) „Ich glaube, Norderstedt ist als Stadt momentan etwas im Kommen, auch fußballerisch entwickeln wir uns immer weiter. Wenn wir dann irgendwann vielleicht eine neue Anlage bekommen…. Die Qualität in der Mannschaft haben wir, die Rahmenbedingungen werden immer besser. Ganz im Ernst: Warum nicht? Das sollte schon in den nächsten fünf Jahren das Ziel sein, mal aufzusteigen.“

EN: „Es ist jetzt aber nicht davon auszugehen, dass das kurzfristig passieren wird. Wenn wir das mal ausklammern, was kommt dann?“

FD: „Als nächstes wollte ich gerne berufsbegleitend Business Administration studieren. Das würde ich dann in Verbindung mit der Firma meiner Familie machen, so dass ich da quasi schon eingearbeitet werde.“

EN: „Berufsbegleitend studieren und Fußball? Geht das überhaupt?“

FD: „Das ist im Endeffekt nichts anderes wie jetzt auch mit der Ausbildung. Man hat zwei Tage in der Woche Uni und drei Tage ist man in der Firma. Also keine Abendkurse oder Samstage, die man mit dem Studium verbringen muss.“

EN: „Wenn du ein bißchen auf die bisherige Karriere zurück blickst, an was erinnerst du dich als erstes?“

FD: „Brasilien war auf jeden Fall ein absolutes Highlight, ebenso die DFB-Pokal-Spiele gegen Fürth und Wolfsburg. Vor so einer Kulisse zu spielen macht riesig Spaß. Das U23 Derby mit St. Pauli gegen den HSV am Millerntor war auch cool. Und die Derbys mit Braunschweig gegen Hannover 96, einmal im 96-Stadion und einmal im Eintracht-Stadion. Nicht zu vergessen natürlich der Oddset-Pokal!“

EN: „Gibt es irgendwas, an dass du lieber nicht erinnert werden willst?“

FD: „Ja, das gibt es auch. Das war das erste Jahr in Braunschweig, glaube ich. Ich bin im Spiel gegen den VfL Wolfsburg in der 36. Minute ausgewechselt worden, weil ich nicht einen Ball zum Mann gebracht habe. Ich habe komplette Scheiße gespielt. Dafür habe ich dann im Jahr darauf in Wolfsburg den 1:0-Siegtreffer gemacht. Irgendwann gleicht es sich halt aus, aber an dem Tag hätte ich mich am liebsten vergraben.“

EN: „Hast du irgendwelche Ziele im Fußball?“

FD: „Es ist nicht wirklich ein Ziel, eher ein Wunsch, aber auf jeden Fall verletzungsfrei bleiben. Und dann Norderstedt durch Tore und Vorlagen weiter voran bringen, um am Ende im Kollektiv vielleicht mal den Aufstieg zu schaffen.“

EN: „Hast du allgemein für den Fußball irgendwelche Wünsche?“

FD: „Sowas wie Videoschiedsrichter und Torlinientechnik muss nicht sein. Ich finde, das nimmt dem Fußball viel Spannung. Und eine wirkliche Verbesserung war es bisher ja auch nicht, viele Entscheidungen bleiben strittig. Das gefällt mir nicht so. Fehlentscheidungen gehören einfach zum Fußball dazu, die muss man dann mal akzeptieren und damit Leben.“

EN: „Hast du fußballerische Vorbilder?“

FD: „Neymar. Das ist einfach ein herausragender Fußballspieler. Diese Lockerheit und Leichtigkeit und der Spielwitz, das ist fantastisch.“

EN: „Wir kommen zu unseren Abschlußfragen die jeder Spieler mit auf den Weg bekommt: Wenn du für Eintracht Norderstedt einen deutschen Spieler deiner Wahl holen könntest… wer wäre das?

FD: „Meinen besten Freund Tjorben Uphoff.“ (lacht)

EN: „Okay, jetzt hast mich mich erwischt… und ich denke, ich bin nicht der einzige, der jetzt erstmal Google anschmeißen müsste…“

FD; „Tjorben ist Innenverteidiger. Aktuell spielt er beim Wuppertaler SV in der Regionalliga West. Ist jetzt nicht so, dass wir einen Innenverteidiger-Mangel hätten und ich weiß auch nicht, ob er bei uns überhaupt spielen würde, aber mit dem bin ich seit St. Pauli-Zeiten superdicke, mit ihm nochmal in einer Mannschaft zu spielen wäre klasse. Der war zu Weihnachten in Hamburg bei der Familie, wir haben superviel gemacht und es ist immer witzig. Und wir haben uns auf dem Platz tolle Duelle geliefert.“

EN: „Wenn du in irgendeiner Mannschaft deiner Wahl spielen könntest – wo wäre das?“

FD: „Arsenal. Arsenal ist international mein kleiner, geheimer Lieblingsverein.“

EN: „Und national?“

FD: „Dortmund.“

ED: „Damit bist du bei Euch in der Familie das schwarze Schaf, oder?“

FD: „Ja, das stimmt wohl“ (lacht) „Philipp ist halt riesengroßer Bayern-Fan, Reenald auch…“

EN: „Unsere goldene Abschlußfrage: Wenn einer fragt: ‚Warum soll ich als Zuschauer zu Eintracht Norderstedt kommen, wenn ich auch HSV/St. Pauli haben kann…‘ was sagst du ihm?“

FD: „Die heimische Atmosphäre, die Kommentare auf der Tribüne… auch wenn das Stadion nie voll ist, aber es ist immer ein Erlebnis, ein kleiner Event und es macht einfach Spaß, hier zu spielen und ich hoffe, dass wir das den Fans auch wiedergeben können. Die Zuschauer können 100% Ehrgeiz, Leidenschaft und fußballerische Qualität erwarten, auch wenn es im Endeffekt vielleicht nur vierte Liga ist.“

EN: „Das war ein schönes Schlußwort. Vielen Dank für deine Zeit und viel Erfolg für die Rückrunde!“