2018 – August: Sinisa Veselinovic

„Ob die Sonne scheint oder es schifft, wenn Veselinovic mal wieder trifft…“ Für unseren Interview-Gast des Monats August haben die Supporters sogar einen eigenen Song getextet. Doch wer ist eigentlich Sinisa Veselinovic? Der 27jährige mit serbischen Wurzeln erzählt von seiner Jugend im Hamburger Problemviertel Mümmelmannsberg, wie wichtig der Fußball für ihn war, um nicht auf die schiefe Bahn zu geraten, warum er Norderstedt nach nur einem halben Jahr wieder verließ und dann doch zur Eintracht zurück kam und wie es in einem Stürmer aussieht, der Ladehemmung hat.

EN: „Hallo Sini, magst du dich einmal kurz vorstellen?“

SV: „Ich bin Sinisa (ausgesprochen: „Sinischa“) Veselinovic, noch 27 Jahre alt, 1.96 m groß und Mittelstürmer. Momentan lebe ich in Hamburg-Billstedt.“

EN: „Was machst du, wenn du nicht Fußball spielst?“

SV: „Dann verbringe ich so viel Zeit wie möglich mit meiner Familie und mit Freunden, allerdings meistens sport-bezogen. Und natürlich geht auch viel Zeit für die Uni und meinen Werkstudenten-Job drauf.“

EN: „Was machst du da genau?“

SV: „Ich habe den Job von Linus Meyer als Projektmanager bei der Firma Blue Gas übernommen. Wir sind eine Autogas-Firma und betreuen bundesweit Tankstellen, sowohl unsere eigenen als auch Tankstellen, die wir beliefern.“

EN: „Dann bist du ja gut ausgelastet…“

SV: „Momentan geht es. Vorher war ich ja noch beim „Football Mgzn“ als Praktikant und habe da recherchiert und im Bereich Social Media den Instagram-Account geleitet. Damit habe ich jetzt aber aufgehört, um mehr Zeit für Fußball zu haben. Momentan habe ich genau das Maß an Freizeit, das ich brauche und das Maß an Beschäftigung, was mir gut tut. Ich arbeite zwei bis drei Tage die Woche und versuche an den anderen Tagen noch zusätzlich laufen zu gehen oder zu trainieren.“

EN: „Du bist, soweit ich weiß, im Hamburger Problemstadtteil Mümmelmannsberg aufgewachsen.“

SV: „Ich habe bis zum 21. Lebensjahr dort gelebt und fand meine Kindheit da sehr schön. Wir haben, wenn man es so sagen kann, in einer ruhigeren Ecke gelebt. Wobei man das Mümmelmannsberg von heute nicht mehr mit dem Mümmelmannsberg von vor 20 Jahren vergleichen kann, dort wurde wirklich viel von der Stadt und der SAGA investiert. Es ist mittlerweile ziemlich grün, es gibt einen kleinen See, viele richtig gute Fußballplätze… Ich glaube nicht, dass es irgendwo auf so einer Quadratmeterzahl mehr Spielplätze gibt als in Mümmelmannsberg. Ich musste vier Minuten bis zur Bahn laufen bin bestimmt an sieben, acht Spielplätzen vorbei. Ich habe gehört, dass es pro Wohnung – und davon gibt es dort SEHR viele – einen Baum geben soll, der Stadtteil also immer grüner wird. Es ist allerdings ein rauher Umgangston dort, es gibt auch viele negative Geschichten. Die Polizei ist sehr präsent, es gibt hier und da schon noch Stress… Aber man kennt die Leute, ist mit denen aufgewachsen und weiß, dass die Leute, die in Mümme leben, da alle sehr zufrieden sind und kaum einer weg will, wohingegen alle, die von außen drauf gucken, einen schlechten Eindruck davon haben.“

EN: „Welche Rolle spielt dort der Fußball?“

SV: „Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass Fußball dort eine riesige Rolle spielt und sehr wichtig ist. Um es auf den Punkt zu bringen: Meine Jungs und ich, die immer Fußball gespielt haben, haben alle eine Ausbildung gemacht oder studiert und jetzt einen guten Job. Nicht so wie die, die nicht Fußball gespielt haben und auf der Straße gelandet sind, dealen, im Knast sitzen oder nach Syrien geflogen sind.“

EN: „Also bist du dadurch, dass du den Fußball hattest, nie Gefahr gelaufen, auf die schiefe Bahn zu geraten?“

SV: „Ja, das ist wirklich so. Zudem haben mir meine Eltern verboten, auf die GSM (Ganztagsstadtteilschule Mümmelmannsberg) zu gehen. Das ist eine Riesenschule, ich glaube die am meisten geförderte in Hamburg. Die haben alles, die haben mehr Lehrer als ich auf dem Gymnasium Billstedt Mitschüler im Jahrgang gehabt habe. Aber da gibt es viele Problemkinder, viel Stress, viele Schlägereien, Drogen… das wird nach außen zwar übertrieben dargestellt, aber die Probleme sind auf jeden Fall da. Ich bin dann mit drei, vier guten Freunden nach Billstedt aufs Gymnasium an der Merkenstraße gekommen. Erst war ich ziemlich enttäuscht, weil viele Freunde vom Fußball auf die GSM gegangen sind. Aber im Nachhinein bin ich meinen Eltern sehr, sehr dankbar für diese Entscheidung, weil ich dadurch gar keine Zeit hatte, auf dumme Gedanken zu kommen. Ich bin von der Schule nach Hause, was essen und dann ab zum Training, ich war nie draußen auf der Straße.“

EN: „Du hast deine fußballerische Laufbahn dann direkt in Mümmelmannsberg begonnen?“

SV: „Ja, mit fünf Jahren beim MSV Hamburg. Ich war tatsächlich von Anfang an Stürmer. Wobei ich in meinem ersten Spiel bei St. Pauli in der B-Jugend am 1. Spieltag plötzlich Innenverteidiger war und am 2. Spieltag Außenverteidiger. Ohne vorher ein Wort drüber verloren oder die Position trainiert zu haben. Das war ein wildes Jahr bei Pauli… nach dem vierten, fünften Spieltag hatten sie dann verstanden, dass ich diese Position nie gespielt habe und wurde dann wieder als Stürmer eingesetzt.“ (lacht)

EN: „Das heißt, du bist dann vom MSV direkt nach St. Pauli gewechselt?“

SV: „Nee, es gab ein paar Sachen beim MSV, die unseren Eltern nicht gefallen haben. Wir sind dann mit 13, 14 Leuten zum SC Europa gewechselt, das war Luftlinie nur etwa 800 Meter entfernt. Dort mussten wir allerdings in den untersten Ligen anfangen und haben dann alle mit 20:0 und so weggehauen. Ab dem zweiten Jahr haben wir dann leitungsbezogen gespielt. Vom SC Europa bin ich nach drei Jahren zu St. Pauli gewechselt, wo wir 2006 gegen den HSV den Hamburger Pokal gewonnen haben. Danach bin ich zum VfL Lohbrügge gewechselt, wo ich mich nach einer Saison mit knapp 40 Toren Richtung SC Vier- und Marschlande verabschiedet habe. Nach einem Jahr wurden wir dann zum JFV Jung-Elstern.“

EN: „Was ist der JFV Jung-Elstern?“

SV: „Ein Jugend-Förderverein, das war damals ein Zusammenschluss vom SCVM mit dem TSV Reinbek und Bergedorf 85. Man wollte mit diesem JFV nach dem HSV und St. Pauli die dritte Anlaufstelle in Hamburg werden. Wir haben mit den Jung-Elstern in der A-Regionalliga gespielt, wurden Dritter und haben um einen Platz die Relegation zur Bundesliga verpasst. Nach dem Jahr bin ich dann mit drei weiteren Jungs bei Bergedorf 85 in den Herren-Fußball hoch gegangen. Das war nach der kuriosen Saison 2008/2009, wo Bergedorf 85 in der Oberliga auf Platz 1 war und für die Regionalliga melden wollte, es auch allen so mitgeteilt wurde und der Vorstand die Anmeldefrist verstreichen ließ und einfach keine Bewerbungsunterlagen abgab. Zu dem Zeitpunkt waren die Jungs noch Erster, als herauskam, dass der Verein die Unterlagen nicht abgegeben hatte, war die Luft raus und wurde Dritter. Am Ende stieg die U23 vom FC St. Pauli als Fünfter auf… “

EN: „Das heißt statt Regionalliga bist du dann in der Oberliga in den Herrenbereich gewechselt?“

SV: „Genau, ja. Aus der ersten Elf haben acht, neun Leute später Regionalliga gespielt. Bei Victoria, bei Norderstedt, bei Drochtersen. Das war schon eine richtig gute Mannschaft.“

EN: „Von Bergedorf ging es weiter nach Curslack-Neuengamme.“

SV: „Eigentlich wollte ich nach Serbien gehen. In Serbien ist das alles recht politisch, das war problematisch. Ich hätte dafür bezahlen müssen, um einen Vertrag bei einem Erstligisten zu bekommen. Ich hätte zu einer Zweiten Mannschaft gehen können, das Pendant zu einer U23 hier. Das Problem ist, dass die Mannschaften dann aber nicht zum Beispiel Roter Stern Belgrad II heißen, sondern FK Sopot Belgrad, weil sie die aufgekauft haben. Das weiß in Serbien zwar jeder, aber hier weiß das keiner. Ich wollte in Serbien schon gerne in der ersten oder zweiten Liga spielen, aber bei einem namhaften Club. Dann haben die mir einen Drei-Jahres-Vertrag vorgelegt. Ich bin da vielleicht auch etwas blauäugig rangegangen und hätte es machen können, aber ich hatte keine Lust mit 19 Jahren gleich drei Jahre von zu Hause weg zu gehen.“

EN: „Und wie kam dann der Wechsel zu Curslack zustande?“

SV: „Torsten Henke, dem Trainer von Curslack, war aufgefallen, dass ich bei einem Turnier nicht dabei war. Er hat mich angerufen und innerhalb von einer Woche war alles klar. Dort habe ich zwei gute Jahre gehabt.“

EN: „Und dann rief der Profi-Fußball?“

SV: „Naja, ich habe vorher schon drei Jahre Oberliga gespielt und nebenbei noch einen 400-Euro-Job gehabt. Da ich zu der Zeit noch bei meinen Eltern gewohnt habe, ging das auch. Aber Siegen war natürlich dann etwas ganz anderes. Ich bin mit 21 Jahren das erste Mal von zu Hause ausgezogen, habe 450 km entfernt gewohnt. Siegen waren zwei sehr, sehr schöne Jahre. Es war eine Wahnsinns-Gemeinschaft, auf und neben dem Feld.“

EN: „Hast du da auch mit Til Bauman zusammengespielt, der ja aus Siegen zu uns kam?“

SV: „Nein, Til kam, als ich gegangen bin, aber ich habe ihn noch kennen gelernt. Ich habe in Siegen in einer WG gelebt, wir waren jeden Abend mindestens zu fünft, haben Dart gespielt, zusammen gekocht, Fußball geschaut, sind zusammen raus gegangen, wir haben das Leben richtig genossen. Wir haben natürlich auch viel Fußball gespielt und hart trainiert, in der Vorbereitung sogar jeden Tag zwei Mal. Wir sind in der Vorbereitung auch locker 150 km gelaufen. An einem Trainingstag bist du morgens auf den Platz gegangen für eine erste straffe Einheit und die zweite Einheit sind wir immer acht Kilometer gelaufen, wahlweise mit Schlitten ziehen oder Treppenläufe mit Medizinball.“

EN: „Das klingt nach der guten, alten Felix Magath-Schule…“

SV: „Genau, unser damalige Trainer Michael Boris war U23 Trainer bei Schalke, als Magath dort Trainer der ersten Mannschaft war.“ (beide lachen) „Das war nicht ohne, der hat sich bei Magath einiges abgeguckt. Wir wurden in Siegen in beiden Jahren Fünfter. Da wäre sicherlich mehr drin gewesen, aber im ersten Jahr hatten wir, wie bei uns in der letzten Saison, das Problem mit dem Wetter. Siegen liegt in einem Tal, da bleibt der Schnee sehr lange liegen. Wir haben unser erstes Punktspiel erst im März gemacht und dann bis zum letzten Spieltag durchgehend englische Wochen gehabt. Wir waren in der Breite nicht so gut besetzt und nach hinten raus dann einfach platt. Ich habe in Siegen sehr viel gelernt, viele Freunde gewonnen, mit denen ich heute noch in Kontakt stehe und wäre da unter normalen Umständen niemals weg gegangen, wenn nicht Manfred Utsch, der Hauptsponsor, abgesprungen wäre. Der war in einem Alter, wo er es nicht mehr fortführen könnte und seine Kinder wollten nicht… und da der Großteil des Etats aus seiner Tasche kam, ging es nicht mehr weiter. Ich konnte ja auch nicht neben dem Studium noch Vollzeit arbeiten, das wäre mit Fußball zu viel gewesen, zumal ich für die Uni noch nach Köln gependelt bin. Am Ende waren es 14 Abgänge und man ist in die Oberliga abgestiegen.“

EN: „Dann bist du erstmal zurück nach Hamburg gegangen?“

SV: „Da war Eintracht Norderstedt die logische Adresse, wenn man Regionalliga spielen will. Und hier hatte ich auch eine so schöne Zeit mit den Jungs, dass ich im Endeffekt nochmal wiedergekommen bin.“

EN: „Wenn die Zeit mit den Jungs so schön war, warum bist du so schnell wieder gegangen?“

SV: „Im Winter kam ein Super-Angebot aus Rödinghausen. Ich habe, als ich wieder in Hamburg war, immer noch in Köln studiert und Rödinghausen ist halt nochmal 230 km dichter an Köln dran, das ist schon ein großer Unterschied.“

EN: „Als du das erste Mal in Norderstedt warst, bist du nach Köln gependelt?“

SV: „Nein, eben nicht, das war das Ding. In Sachen Studium war das für mich ein totes halbes Jahr. Ich habe eine Klausur geschrieben oder zwei und festgestellt, dass das so nicht geht. Jetzt bin ich, im Unterschied zu damals, viel weiter, ich werde dieses Semester meine letzte Klausur schreiben, nächstes Semester die Bachelor-Thesis und zwei Hausarbeiten und dann bin ich durch. Das Angebot aus Rödinghausen kam quasi aus dem Nichts. Du hast ja auch mit Linus gesprochen und festgestellt, dass die in Rödinghausen ganz andere Möglichkeiten haben.“

EN: „Ja, das scheint schon noch ein anderes Level zu sein.“

SV: „Es war nicht nur das finanzielle, sondern das Gesamtpaket. Die sportlichen Möglichkeiten, die Nähe zur Uni im Vergleich zu Hamburg. Das hat in dem Moment alles gepasst. Ich hatte in meinem Vertrag eine Ausstiegsklausel und habe die dann gezogen.“

EN: „Wie lief es in Rödinghausen für dich?“

SV: „Ich habe im ersten halben Jahr neun Mal getroffen, in der zweiten Saison habe ich zehn Buden gemacht, was auch okay war. Das zweite Jahr hat mich allerdings ein bisschen durcheinandergebracht, da ist zu viel passiert. Wie waren bis zum 11.Spieltag auf Platz 1, das war ein super Leben. Dann folgten neun Spiele ohne Sieg, plötzlich gab es schlechte Stimmung im Team, schlechte Stimmung im Verein. Zuerst wurde der sportliche Leiter Stefan Grädler, der für mich eine Wahnsinns-Ahnung vom Fußball hatte, entlassen. Dann wurde Trainer Mario Ermisch, zu dem ich ein sehr gutes Verhältnis hatte, entlassen. Keiner wusste so recht wie es weiter geht, ob ein sportlicher Umbruch stattfinden sollte. Dann kam erst einmal Jugendleiter Tim Daseking als Interims-Trainer, der aber nicht so auf mich stand. Der hat gefühlt erst einmal jeden 17jährigen spielen lassen… am letzten Spieltag habe ich noch zwei Tore gemacht, so dass wir uns im letzten Moment gerettet haben. Aber so wie die Saison war dann eben auch die Stimmung, zumal uns keiner wirklich sagen konnte, wie es weiterging, welche Spieler bleiben, wie der Kader in der nächsten Saison aussehen soll. Das war für mich alles ein großes Fragezeichen. Dann kamen drei, vier Angebote rein. Ich habe mich dann dafür entschieden zu einem Verein zu gehen, wo es etwas ruhiger ist. Der SC Verl ist ein Verein, wo in den letzten Jahren immer Ruhe war und die sehr konstant waren. Die haben ebenfalls sehr gute Bedingungen, ein gutes Angebot gemacht und haben für mich keinen großen Umbruch bedeutet, liegt ja in derselben Ecke.“

EN: „In Verl bist du auch gut durchgestartet, aber dann…“

SV: „In den ersten drei Spielen habe ich zwei Tore gemacht. Nach hinten raus wurde es dann immer weniger. Weniger gespielt, weniger Tore erzielt. Von der Quote her war meine Bilanz gar nicht so schlecht. Wenn man es auf die Spielminuten bezieht, habe ich in jedem zweiten Spiel getroffen (Anm.: Laut Transfermarkt.de sechs Tore und drei Vorlagen in 1.012 Minuten), aber unterm Strich waren es halt nur sechs Tore, weil ich wahnsinnig viele Kurzeinsätze hatte. Aber ich habe mich nicht so richtig wohl gefühlt. Ich habe mich mit allen gut verstanden und hatte auch vier, fünf Jungs, mit denen man was gemacht hat, aber die kamen dann aus der Ecke und hatten einen eigenen Freundeskreis oder waren am Studieren. Ich habe alleine gewohnt, hatte keine Freundin und war daher sehr viel allein zu Hause. Ich habe dann viel mit der Familie gesprochen, die sich auch gewünscht hat, dass ich zurück nach Hamburg komme.“

EN: „Und dann hast du wieder bei Eintracht angeklopft?“

SV: „Ich habe mir gesagt, wenn ich zurück nach Hamburg komme, gibt es für mich nur eine Lösung. Ich war die ganze Zeit viel in Kontakt mit Deran (Toksöz), der hat dann natürlich mitbekommen, dass ich zurück nach Hamburg will und sofort Reenald Koch Bescheid gesagt. Kurze Zeit später kam der Anruf und zwei Tage später war alles klar. Da musste ich auch nicht überlegen. Wenn Hamburg, dann Eintracht Norderstedt. Ich kenne hier alle, hatte eine tolle Zeit in Norderstedt. Der Verein wusste, was er an mir hat, ich wusste, was ich am Verein habe. Der Trainer kannte mich gar nicht und hat sich da auf Reenald verlassen. Gesehen habe ich den Trainer zum ersten Mal am ersten Trainingstag.“ (lacht)

EN: „Konntest du ihn denn von dir überzeugen?“

SV: „Er hatte mir im Einzelgespräch gesagt, dass er mich ein paar Mal in seiner Zeit als U19-Trainer gesehen hat und um meine Qualitäten weiß, aber er meinte auch, dass er mich nicht kennt und ich mich erst beweisen muss. Lüne (Anm.: Jan Lüneburg) habe das in der vorigen Saison super gemacht und ich wäre in der Position des Herausforderers.“

EN: „Du steht mit Lüne in direkter Konkurrenz, da wir nur mit einer Spitze spielen. Wie ist Euer Verhältnis zueinander?“

SV: „Wir haben ein super Verhältnis, sitzen auch in der Kabine nebeneinander. Jeder gönnt dem anderen den Erfolg, solange es im Dienst der Mannschaft ist, denn letztlich profitieren wir alle davon. Natürlich sind wir auch Konkurrenten, weil der Trainer nur mit einer Spitze spielt, wobei wir jetzt auch nichts dagegen haben, mal zu zweit zu spielen.“ (lacht) „Letztlich will aber jeder so viel Spielzeit wie möglich haben, keiner kann sich seiner Position sicher sein, man muss immer Gas geben, man muss präsent sein und kann es sich nicht erlauben, im Training mal eine Woche durchzuhängen.“

EN: „Letzte Saison ist Lüne ja leider einige Zeit verletzt ausgefallen. Denkt man da innerlich ‚puh, jetzt kann ich einmal tief durchatmen und den Fuß etwas vom Gas neben, wenn der direkte Konkurrent nicht da ist?‘“

SV: „Mag sein, dass man unterbewusst denkt ‚okay, die nächsten Spiele werde ich so oder so spielen, wenn ich mich nicht vollkommen blöd anstelle‘, aber den Gedanken vertreibt der Trainer relativ schnell. Er hat dann ja auch mal Felix (Drinkuth) oder Linus (Meyer) in die Sturmspitze gestellt. Ich habe ein längeres Gespräch mit dem Trainer gehabt, der mir gesagt hat, dass er mit meiner Rückrunde nicht zufrieden war. Er meinte, es wäre zwar okay gewesen, aber er misst mich an der Leistung, die ich in der Hinrunde erbracht habe, das ist der Maßstab. ‚Okay‘ ist nicht das, was er von mir erwartet. Ich habe mir das in die Vorbereitung auf die neue Saison mitgenommen. Ich weiß was ich will, ich bin hungrig und ich habe meinen Spielstil etwas angepasst.“

EN: „Wir hatten nach den Testspielen schon darüber gesprochen, weil es selbst mir mit Laienblick aufgefallen ist: Du versuchst nicht mehr, weite Wege nach hinten zu gehen und dir den Ball selbst zu erkämpfen, sondern bist dafür wesentlich präsenter als Anspielstation in der Sturmspitze, legst die Bälle mit dem Kopf ab und kommst auch selbst deutlich schneller zum Abschluss.“

SV: „Ich musste mich dem Spielsystem mehr anpassen, jede Mannschaft spielt anders. In Rödinghausen habe ich mich oft auf die Zehner oder Achter-Position fallen lassen, habe die Bälle erarbeitet und die Außen geschickt. Wir spielen hier deutlich gradliniger, über die Außen und dann kommt die Flanke. Das Problem ist, wenn ich mich fallen lassen, die Bälle hole und die Außen schicke… die haben ein Wahnsinnstempo, dann schaffe ich es nicht mehr in die Box und fehle als Abnehmer für die Flanken. Man wird ja auch schlauer und macht sich selbst viele Gedanken, wie man sein Spiel verbessern kann und woran es in der letzten Saison gelegen hat, dass man nicht so oft getroffen hat oder nicht anspielbar war. Und für mich ist klar: ich möchte im Zentrum sein, wenn die Bälle ankommen. Und das hat sich in der Vorbereitung ja als richtig erwiesen.“

EN: „Was habt ihr euch spielerisch in dieser Saison vorgenommen?“

SV: „Wir müssen uns vornehmen, kompakter zu sein, besser zu verschieben und in den Mannschaftsteilen zu arbeiten. Kontern können wir, Tore schießen können wir, wir können auch gut verteidigen. Wir haben uns aber in der letzten Saison zu viele persönliche Fehler geleistet, das müssen wir in diesem Jahr abstellen. Jeder muss wach sein und jeder muss den anderen unterstützen.“

EN: „Lass uns mal ein wenig in den Kopf eines Stürmers gucken. Das erste Halbjahr der letzten Saison ist für dich sehr gut gelaufen. Bis zum Hannover-Spiel hast du sieben Tore gemacht, danach hast du zwar weiterhin Vollgas gegeben, in Sachen Tore war aber irgendwie der Wurm drin. In 16 Spielen kamen nur noch zwei dazu, beide gegen Eutin. Wenn man längere Zeit nicht getroffen hat, fängt man dann im Spiel an, sich Gedanken zu machen und hemmt man sich damit vielleicht noch selber zusätzlich?“

SV: „Abends gucke ich mir nochmal die Spiele an oder zumindest meine Szenen an. Man kann sich nur verbessern, wenn man sieht, was man macht. Man hat oft genug Szenen direkt vorm Auge und auf Video sieht das plötzlich ganz anders aus, gerade bei Torabschlüssen und Laufwegen. Wobei ich in der Rückrunde auch weniger gespielt habe, weil Lüne und Felix das wirklich gut gemacht haben. Das kommt alles zusammen. Aber auf dem Spielfeld mache ich mir keine großen Gedanken, sondern denke nur, dass ich den nächsten Ball rein mache.“

EN: „Du hast in der Region West mit deinen Clubs auch in großen Stadien gespielt. Aachen, Essen, Oberhausen zum Beispiel. Macht es einen Unterschied, ob du vor 300 Zuschauern oder wie in der Regio West vor 8.000 Zuschauern spielst? Oder kriegt man das nicht so mit?“

SV: „Man nimmt es anders wahr. Wenn du ins Stadion reingehst, das ganze Prozedere drumherum, machst du das mit einer ganz anderen Anspannung, weil du weißt, dass hier gleich 10.000 Zuschauer oder so sein werden. Deswegen würde ich mich auch wahnsinnig freuen, wenn wir mal ein Sport1-Spiel bekommen würden. Selbst in Siegen hatte ich nie ein Live-Spiel. Ich verstehe auch nicht, dass einige Vereine so viele Spiele kriegen und andere gar keine. Aber wer weiß, wonach das geht… In dem Moment wo das Spiel los gehst, nimmst du es nur noch in besonderen Momenten wahr. Bei einem Aufschrei, wenn ein Tor fällt. Aber sonst bist du fokussiert auf das, was auf dem Platz passiert.“

EN: „Welches war das schönste Stadion, indem du gespielt hast?“

SV: „Das war für mich… ich muss mal überlegen… Essen. Das Stadion ist kleiner als in Aachen, aber der Rasen ist besser und wir hatten mit Siegen zwei Endspiele in Essen.“

EN: „Was sind für dich die schönsten Erlebnisse in deiner bisherigen Karriere?“

SV: „Für mich sind das persönliche Momente… so wie mein erstes Regionalliga-Tor gegen Lotte, auch wenn wir das Spiel 1:4 verloren haben. Der Pokalsieg in der Jugend 2006 mit dem FC St. Pauli gegen den HSV, sowas natürlich auch. Die Pokalsiege in Siegen, das DFB-Pokal-Spiel gegen den VfL Wolfsburg, wo ich den Kopfball fast reinsetze. Wer weiß, was dann noch gegangen wäre… das sind einige Highlights. Gut, Futsal ist jetzt kein Fußball, aber mein erstes Futsal-Jahr…“

EN: „… du hast Futsal gespielt?“

SV: „Ja, wenn dir die Hamburg Panthers was sagen?“

EN: „Dazu habe ich mit in dem Interview mit Steven Lindener ausführlich unterhalten.“

SV: „Im ersten Jahr nach der Gründung war ich auch dabei, zusammen mit Stevo, als wir Deutscher Meister geworden sind. Da habe ich noch in Curslack gespielt. Als ich nach Siegen gewechselt bin, war das Thema für mich leider vorbei.“

EN: „Welche negativen Erlebnisse sind dir im Kopf geblieben?“

SV: „Die Phase in Rödinghausen, in der es so schlecht lief. Zu sehen, wie krass das Geschäft ist, wo du – überspitzt gesagt – in kürzester Zeit zum umjubelten Star wirst und die Stimmung dann wieder umschwenkt. Natürlich auch die Verletzung in Siegen, wo ich nach gutem Start in die Vorbereitung zehn Wochen ausgefallen bin und sieben, acht Spiele verpasst habe. Das war aber glücklicherweise meine einzige längere Verletzungspause. Und das Ende in Siegen natürlich auch, wir waren eine eingeschworene Truppe, die Jungs sind alle in Super-Clubs untergekommen. Der bekannteste aus der Mannschaft dürfte Sven Michel sein, der mit Paderborn in der zweiten Liga spielt. Das war eine tolle Zeit, ich wäre gerne länger dortgeblieben.“

EN: „Du hast jetzt einige Jahre unter Profi-Bedingungen gespielt. Wenn du das mit Eintracht Norderstedt vergleichst, wo hat der Verein Nachholbedarf und was zeichnet ihn positiv gegenüber solchen Vereinen aus?“

SV: „Mir gefällt das familiäre sehr. Es ist alles etwas im kleineren Rahmen, hier wird sich wirklich gut um dich gekümmert. Das ganze drumherum, das Lans Medicum als Ärzte-Zentrum ist spitze, du hast eine coole Truppe. Es wird auf jeden einzelnen Spieler genau geguckt, ob er hier reinpasst, die Spieler kommen zum Probetraining und trainieren dann auch einfach mal eine Woche durch, damit sich der Verein die ganz genau angucken kann. Bei anderen Vereinen werden Spieler einfach über die Berater verpflichtet, das ist hier anders.“

EN: „Als Amateur-Verein hast du aber natürlich auch Dinge, wo du nicht mithalten kannst.“

SV: „Schwer ist das natürlich mit der Uhrzeit (Anm.: Trainingsbeginn ist im Regelfall um 19.30 Uhr). Von meinen früheren Vereinen war ich es gewohnt, dass spätestens um 15.30 Uhr trainiert wird, so dass man noch was vom Abend hatte. Hier gehst du zur Arbeit, fährst kurz nach Hause etwas Essen, zum Training, dann nach Hause und ins Bett. Viel mehr ist nicht an Zeit. Die Anzahl der Trainingseinheiten ist mit vier Mal pro Woche für mich auch nicht optimal, ich habe an mich selbst den Anspruch, so viel es geht zu trainieren, weil ich gerne noch einmal höher spielen würde. Aber es ist schwer sich mit Jungs zu messen, die sieben, acht Mal die Woche trainieren, wenn ich nur vier Mal kann. Aber das ist halt nicht anders machbar, weil es in Norderstedt kein Profitum gibt, dafür ist hier zu wenig Geld im Spiel. Nur wenn du das umstellst, musst du wahrscheinlich drei Viertel der Mannschaft auswechseln, weil die Jungs alle berufstätig sind. Deswegen müssen wir so spät trainieren, es geht gar nicht anders. Und dafür, muss man sagen, machen die hier einen Super-Job.“

EN: „Also in Kurzform: der Verein ist begrenzt in seinen Möglichkeiten, macht aber das Bestmögliche draus? Und Nachholbedarf besteht da, wo man Geld investieren muss, das aber nicht da ist?“

SV: „Ja, so kann man das sicherlich sagen. Man versucht viel, aber es geht immer nur in einem gewissen Rahmen. Ich kenne kaum einen Regionalligisten, der einen eigenen Kraftraum hat, eine eigene Sauna, einen eigenen Physio-Raum, der über die Größe einer Abstellkammer hinaus geht… du hast an sich alles, was du brauchst.“

EN: „Du hast gerade schon gesagt, dass dein persönliches Ziel ist, noch einmal höherklassig zu spielen. Hast du noch Ziele mit Eintracht?“

SV: „Auf jeden Fall einen einstelligen Tabellenplatz. Für mich persönlich wäre es richtig, richtig stark, wenn wir unter die ersten fünf kommen würden. Die anderen haben brutal aufgerüstet, ein, zwei Vereine haben umgestellt auf Profitum, Werder Bremen ist wieder da, du hast gute Aufsteiger dabei, die U-Mannschaften haben natürlich ganz andere Möglichkeiten… das einzige was uns fehlt, ist die Konstanz. Wir haben bewiesen, dass wir jeden schlagen können, haben Wolfsburg und Lübeck zu Hause besiegt. Wir können aber auch an schlechten Tagen gegen jeden verlieren. Das ist aber oft bedingt durch persönliche Fehler. Wenn wir die abschalten und Konstanz reinbringen, ist es möglich, sich oben festzusetzen.“

EN: „Wenn du zu jedem Verein der Welt wechseln könntest… in welcher Mannschaft würdest du gerne mal spielen?“

SV: „Real Madrid. Das ist mein Wunschteam. Unabhängig davon, ob Cristiano Ronaldo da spielt oder nicht.“

EN: „Welchen deutschen Spieler würdest du für Eintracht Norderstedt verpflichten, wenn du könntest?“

SV: „Wäre Zlatan Ibrahimovic Deutscher, hätte ich Ibrahimovic gesagt… Kroos. Weil er bei Real Madrid spielt, aber auch wegen seiner Passsicherheit, dem Auge, der Beidfüßigkeit… der würde mir wahrscheinlich viele Tore auflegen.“

EN: „Unsere Standard-Abschlussfrage lautet: Wenn einer sagt: ‚Warum sollte ich mir Eintracht Norderstedt angucken, wenn ich auch zu HSV oder St. Pauli gehen kann?‘ was antwortest du ihm?“

SV: „Wir haben ein schönes, kleines Stadion, wir Spieler reiben uns Tag für Tag und Spiel für Spiel auf, wir haben eine tolle familiäre Atmosphäre und man bekommt für vergleichsweise günstiges Geld wirklich guten Fußball geboten. Wir bringen fußballerisch und vom drumherum alles mit, haben eine kleine, aktive Fanszene, die ordentlich Lärm macht.“

EN: „Hast du noch einen Wunsch für die neue Saison?“

SV: „Dass die ganze Mannschaft möglichst verletzungsfrei bleibt, dass wir uns selber pushen und mit einer gewissen Konstanz unter die ersten Fünf kommen.“

EN: „Vielen Dank für das Interview und alles Gute für die neue Saison!“