2018 – April: Jan-Philipp Rose

„In meiner Heimatstadt zu spielen in dem Stadion, wo ich als kleiner Junge immer zugeguckt habe, bedeutet mir sehr viel.“

In Norderstedt aufgewachsen, bei TuRa Harksheide mit dem 24 - Jan-Philipp Rose (Anne)Fußballspielen begonnen, seit fast sechs Jahren im Trikot von Eintracht Norderstedt, Siegtorschütze unseres letztjährigen Oddset-Pokals Triumphs, von den Fans zum Spieler der Saison 2016/2017 gewählt… Beschreibungen für unseren Linksverteidiger Jan-Philipp Rose gibt es viele. In unserem Interview des Monats April lässt unser Allround-Talent die letzten Jahre Revue passieren und stellt klar: „Wenn Eintracht Norderstedt mich als Spieler nicht mehr will, werde ich Trainer.“

EN: „Hallo Rosi, auch wenn es sicherlich keinen Eintracht-Fan gibt, der dich nicht kennt – magst du dich kurz vorstellen?“

JPR: „Gerne. Ich bin 32 Jahre alt und arbeite im Hauptberuf für die Firma Bockholdt. Wir sind ein Gebäudereinigungsdienstleister mit Sitz in Lübeck und betreuen viele namhafte Kunden wie die Beiersdorf-Werke, die Stadtwerke Hamburg oder AIDA. Ich bin als Regionalvertriebsleiter für die Region Hamburg und Lüneburg zuständig. Auf dem Fußballplatz spiele ich momentan als linker Außenverteidiger, kann aber auch in der Innenverteidigung oder im defensiven Mittelfeld eingesetzt werden.“

EN: „Ich habe dich auch schon mal als Mittelstürmer gesehen…“

JPR: „Ja, Mittelstürmer war ich auch schon. Ich glaube, bei Eintracht Norderstedt habe ich schon jede Position gespielt. Das einzige, was mir noch fehlt, ist Torwart. Aber vielleicht kommt das ja zum Ende der Karriere nochmal, dass ich einen entscheidenen Elfmeter halte.“ (lacht)

EN: „Welche Position macht dir am meisten Spaß?“

JPR: „Ich fühle mich als Links- oder Innenverteidiger am Wohlsten. Das habe ich die ganzen Jahre gespielt, auch wenn ich eigentlich als Stürmer groß geworden bin. In der B-Jugend hat mich unser damaliger Trainer Ralf Schehr zum Linksverteidiger umfunktioniert. Danach habe ich bei St. Pauli zwar nochmal in der Innenverteidigung gespielt, aber im Herrenbereich eigentlich immer Linksverteidiger.“

EN: „Angefangen mit Fussball hast du 1991 bei TuRa Harksheide?“

JPR: „Genau, TuRa ist mein Heimatverein. Ich bin in unmittelbarer Nähe zum Vereinsgelände aufgewachsen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich mit fünf Jahren das erste Mal mit meinen Vater zum Training gegangen bin. Ich habe einen Ball ins Gesicht bekommen und den Ball in die falsche Richtung gespielt. Da hat mein Vater schon die Hände vorm Gesicht zusammen geschlagen und gesagt: ‚okay, wir lassen das mit dem Fußball lieber‘“ (lacht) „Ich wollte eigentlich auch gar nicht mehr hingehen, habe aber viel mit meinem Vater im Garten gespielt, wo er extra ein Tor aufgebaut hatte. Ich war damals ein Riesen-Fan von Thomas Doll, weil der immer so viele Haken geschlagen hat. Das wollte ich auch und habe fleißig geübt.  Ich bin dann immer bei uns im Garten mit dem Ball um die Buxbäume gerannt und habe Haken geschlagen. Nachher bin ich dann doch nochmal zum Training gegangen und habe da dann wegen der vielen Haken ein bißchen hervorgestochen.“

EN: „Dann bist du Norderstedt aber relativ schnell untreu geworden und nach Poppenbüttel gewechselt.“

JPR: „Poppenbüttel hatte damals eine starke E-Jugend. Wir haben eigentlich alle geschlagen und sind Hamburger Meister in der Halle und auf dem Feld geworden. Dadurch ist dann der HSV auf mich aufmerksam geworden. Da habe ich von der D-Jugend bis zum ersten Jahr A-Jugend gespielt. Dann kam ein Angebot vom FC St. Pauli, dass ich in deren A-Jugend-Bundesliga-Mannschaft spielen und mit den Profis trainieren könne. Das war eine große Chance, die ich dann natürlich angenommen habe.“

EN: „Aber die Chance auf höherklassigen Profi-Fussball hat sich da nicht ergeben?“

JPR: „Ich habe bei den Profis mittrainiert und war auch ein paar mal im Kader. Es war eine extrem anstrengende Zeit, ich habe nebenbei ja noch Schule und Abi gemacht und ein Studium als Diplom-Sportmanager begonnen. Und dann hast du dich am Freitag in den Bus gesetzt und bist mit den Profis nach Köln gefahren. Samstag um 14.00 Uhr Spiel, nicht zum Einsatz gekommen und abends dann mit dem Bus wieder nach Hamburg. Und am Sonntag mit der A-Jugend in der Bundesliga nach Dresden oder mit der U23 nach Nordhorn… so ein klassisches Jugendleben mit Parties oder Geburtstagsfeiern hatte ich eigentlich nie.“

EN: „Vermisst du das?“

JPR: „Nein, ich habe immer immer für den Fußball gelebt und alles dafür getan, mein Ziel Fußballprofi zu erreichen. Deswegen habe ich viel in Kauf genommen, aber ich hatte auch eine sehr schöne Zeit und bin nicht traurig darüber, dass ich einiges nicht mitmachen konnte. Ich habe ja auch einige Zeit hauptberuflich gespielt und habe viele interessante Leute kennengelernt mit denen ich immer noch viel Kontakt habe.“

EN: „Das hört man selten. Der Profi-Fussball gilt ja eher als kühl und Fußballprofis als Ich-AGs, wo mit jedem Vereinswechsel ein neues Kapitel aufgeschlagen wird.“

JPR: „Bei vielen ist es wirklich das Prinzip ‚aus den Augen, aus dem Sinn‘. Ich habe aber immer versucht, Kontakte zu halten und habe mit vielen Spielern noch Kontakt, zum Beispiel mit Andre Breitenreiter, dem aktuellen Trainer von Hannover 96. Wir haben zusammen in Cloppenburg gespielt und dort sogar zusammen gewohnt, waren auch zusammen im Urlaub… oder mit Pascal Formann, der jetzt Torwarttrainer beim VfL Wolfsburg ist. Mit dem habe ich auch in Cloppenburg gespielt. Es war mir immer wichtig, dass man mit guten Freunden den Kontakt hält und sich mit denen auch regelmäßig austauscht.“

EN: „Andre Breitenreiter und Pascal Formann sind nach ihrem Karriereende Trainer geworden. Du bist jetzt im Herbst deiner Karriere… strebst du auch eine Trainerkarriere an?“

JPR: „Ja, auf jeden Fall. Mein Ziel ist es, im bezahlten Fußball zu arbeiten. Ich habe mit Marin Mandic im letzten Jahr meine B-Lizenz gemacht, mit der man bis zur Oberliga bzw. bis zur Jugend-Regionalliga als Trainer arbeiten kann. Mein nächstes Ziel ist die B-Elite-Lizenz mit der man in den Leistungszentren der Profi-Vereine und an der DFB-Eliteschule arbeiten kann. Und dann mal gucken, was realistisch ist. Wenn es sich ergibt, würde ich auch gerne die A-Lizenz (Anm.: bis Regionalliga bzw. alle Frauen/Nachwuchsmannschaften) oder sogar den Fußballlehrer machen. Ich möchte auf jeden Fall nach der Karriere als Trainer arbeiten, sehr gerne auch hier bei der Eintracht.“

EN: „Also wirst du dem Fußball noch sehr lange erhalten bleiben, so oder so.“

JPR: „Ja, auf jeden Fall. Ohne Fußball kann ich nicht… Das ist eine Leidenschaft, die zu meinem Leben dazu gehört und immer ein Teil von mir sein wird. Ich hatte viele gute Trainer in meiner Karriere und möchte die Erfahrungen weitergeben, sei es im Jugend- oder Herrenbereich. Man kann ja von jedem noch etwas lernen, egal ob einer 18 oder 35 ist.“

EN: „Was können die jungen Spieler von dir lernen?“

JPR: „Puh….“ (lacht) „Also ich habe mir bei erfahrenen Spielern wie Andre Breitenreiter die Ruhe abgeguckt, die er am Ball hat. Früher war ich immer recht hektisch am Ball, jetzt bin ich deutlich ruhiger und abgeklärter. Oder dieses periphere Sehen, dass man ein Spiel lesen kann… das sind Sachen, die man über die Jahre entwickelt, dass man eben viel mit Auge lösen kann. Und generell versucht man jungen Spielern natürlich viel zu helfen und für Fragen zur Verfügung zu stehen, sei es auf oder neben dem Platz.“

EN: „Nochmal zurück zu deiner aktiven Karriere… wir waren stehengeblieben bei deiner Zeit beim FC St. Pauli. Dann kam ein Angebot von Bayer Leverkusen.“

24 - Jan-Philipp Rose4 (Marcus)JPR: „Bayer hatte mich eine ganze Weile beobachtet. Als wir mit der Hamburger Auswahl ein Länderturnier in Duisburg bestritten haben, habe ich als Innenverteidiger vier Tore geschossen – alle in einem Spiel. Leverkusen wollte mich gerne für ihre Amateur-Mannschaft haben, die in der 3. Liga gespielt hat. Zusätzlich sollte ich dann mit den Profis mittrainieren. Eigentlich war schon alles in trockenen Tüchern, nur noch nicht unterschrieben. Kurz vor der Unterschrift habe ich mir dann einen Knorpelschaden zugezogen und der Vertrag kam nicht zustande. Für mich hat Leverkusen dann Jan-Ingwer Callsen-Bracker (Anm.: 168 Bundesliga-Spiele, aktuell vom FC Augsburg an den 1.FC Kaiserslautern ausgeliehen) verpflichtet.“

EN: „Das wäre ihr Preis gewesen…“

JPR: „Ja.“ (lacht) „Ist ärgerlich, aber kann man nicht ändern, dass die Verletzung zu so einer ungünstiger Zeit kam und ich dann eine Weile ausfiel. St. Pauli hätte mich gerne behalten, ich wollte aber unbedingt mal raus aus Hamburg und was anderes sehen.“

EN: „Und dann kam das Angebot vom BV Cloppenburg.“

JPR: „Ja, die galten damals als „der FC Bayern der Oberliga Nord“ (Anm.: der heutigen Regionalliga Nord) (lacht). Dort konnte ich hauptberuflich als Fußballer spielen und habe mit vielen ex-Profis zusammen gespielt. Wir hatten wirklich alles. Einen supermodernen Mannschaftbus, vor jedem Spiel ging es ins Tageshotel, zwei- bis dreimal am Tag Training, neues Stadion… zudem war es in Cloppenburg ein Fußball-verrückte Volk. Wenn wir da Freitag abend um 19.30 Uhr gespielt haben, hatten wir immer 3.000–4.000 Zuschauer, bei Derbys gegen Oldenburg, Wilhelmshaven, Nordhorn oder Meppen war dann volles Haus mit 10.-12.000 Zuschauern. Das hat richtig Spaß gemacht.“

EN: „Das ist natürlich was ganz anderes als hier…“

JPR: „Ja, leider. Ich war früher mit meinem Vater immer beim 1.SC Norderstedt, da waren dann auch mal gerne 3.000 Zuschauer im Stadion. Da sind die jetzigen Zuschauerzahlen wirklich schade. Norderstedt hat mit 80.000 Einwohnern das doppelte von Cloppenburg und da kommt nur ein Drittel davon… gerade wenn HSV oder St. Pauli nicht spielen wäre es natürlich schön, wenn der ein oder andere noch den Weg ins Stadion fände und uns unterstützt.“

EN: „Wie ging es mit dir in Cloppenburg weiter?“

JPR: „Nach zwei Jahren in Cloppenburg wollte mich Altona 93, die gerade in die drei-gleisige Regionalliga aufgestiegen waren, unbedingt haben. Ich hatte auch noch andere Angebote, aber es war für mich der richtige Zeitpunkt, nach Hamburg zurück zu kehren. Nach einem halben Jahr in Altona kam der Verein aber in finanzielle Schräglage, so dass viele Spieler in der Winterpause gegangen sind. Cloppenburg wollte mich unbedingt zurück haben, so dass ich dann nach nur einem halben Jahr in Altona zurück gegangen bin. Allerdings sind wir dann mit Cloppenburg aus der Regionalliga West abgestiegen. Der Verein wollte mich gerne für einen Neuanfang in der Oberliga behalten, allerdings hatte ich einige Angebote aus der Regionalliga und habe mich letztlich für einen Wechsel zum FC Oberneuland nach Bremen entschieden. In Cloppenburg habe ich mich sehr wohl gefühlt, wenn wir nicht abgestiegen wären, würde ich da wohl immer noch leben.“

EN: „Dann ging es also zum FC Oberneuland. War das eine gute Wahl?“

JPR: „Beim FC Oberneuland habe ich unter Trainer Mike Barten (Anm.: aktuell Trainer der U23 von Hannover 96) zusammen mit unserem jetzigen Kapitän Marin Mandic, mit dem ich auch schon bei Altona 93 zusammen gespielt habe, die Innenverteidigung gebildet. Allerdings war es in Oberneuland alles noch chaotischer als vorher bei Altona.“

EN: „Marin hatte das Kapitel Oberneuland im Interview auch schon angesprochen und hatte hieran, sagen wir mal vorsichtig, nicht die besten Erinnerungen.“

JPR: „Oberneuland war ein Inhaber-geführter Klub. Da wurde dann auch mal die komplette Mannschaft ausgetauscht. Und irgendwann blieb das Geld aus… ich war dann auch froh, als ich da weg war. Wenn du mal eben drei bis fünf Monate kein Gehalt bekommst…“

EN: „Puh. Wenn du vom Fußball lebst…“

JPR: „… ist das eine verdammt schwere Zeit. Zumindest hatten wir Spieler alle Wohnungen. Teilweise haben die Spieler auch WGs gebildet. Ich habe mit Patrick Posipal, der aktuell beim SV Meppen in der 3. Liga spielt, zusammen gewohnt. Da musste man sich schon sehr gut ergänzen und gemeinsam einkaufen, weil ohne Geld nicht viel möglich war. Wir haben trotzdem alles für den Fußball getan, hatten eine gute Mannschaft und haben sogar den Bremer Pokal gewonnen.“

EN: „Dann lief dein Vertrag in Oberneuland aus und du warst, wie du sagtest, froh dass du weg warst. Wo hat es dich als nächstes hin verschlagen?“

JPR: „Es gab einige interessante Angebote. VfB Oldenburg, VfB Lübeck und der ZFC Meuselwitz wollten mich verpflichten… Ich hätte auch nach Estland gehen können in die 1. Liga… aber irgendwie hat mich das alles nicht überzeugt. Ich war dann einige Zeit im VDV-Camp. Das ist ein Camp, in dem sich vertragslose Fußballer professionell fithalten können. Dort habe ich Leute wie Stefan Wessels, Delron Buckley, Francis Kioyo oder Michael Rensing kennengelernt. Das war eine schöne und interessante Zeit. Und dann kam ein Angebot von Wacker Nordhausen.“

EN: „Da musstest du erstmal auf der Landkarte gucken, wo das eigentlich liegt?“

JPR: „Genau.“ (lacht) „Das war aber wirklich eine witzige Story. Mich hat ein Spielerberater angerufen und meinte, er hätte einen Verein für mich, Wacker Nordhausen. Sage ich: ‚ja, gerne, hört sich gut an. Wie wollen wir das machen?‘. Er sagte mir ‚am besten wäre, wenn du da mal hin fährst und dir das anguckst.‘ Antworte ich ihm ‚ich glaube am Besten wäre, wenn ich fliegen würde.‘ Fragt er ‚Wieso?‘ ‚Naja, das ist ja schon eine ganze schöne Strecke runter nach Bayern.‘ ‚Wieso Bayern?‘ ‚Naja, Wacker Burghausen, das ist doch bei München.‘ Da fing er an zu lachen ‚nein, nicht Wacker Burghausen, Wacker Nordhausen.‘“ (lacht) „Da musste er mir erstmal erklären, dass Nordhausen im Harz zwischen Göttingen, Leipzig und Erfurt liegt. Zu der Zeit spielte Wacker Burghausen in der Zweiten Liga, da hatte ich mir schon Hoffnungen gemacht.“ (lacht)

EN: „Du hast es dann aber gefunden?“

JPR: „Ja“ (lacht) „Ich habe mich dann mit dem Präsidenten getroffen, da mal mittrainiert und mir dann gesagt ‚nee, das kannst du dir eigentlich nicht vorstellen‘. Aber hinter Wacker Nordhausen stecken größere Unternehmen wie Rotkäppchen-Sekt oder Nordhäuser Doppelkorn. Die hatten einen Neuaufbau vor und haben mir bezahlt, was wohl kein Zweit- oder Drittligist gezahlt hätte.“ (lacht) „Zudem haben sie gut in den Kader investiert und mir nebenbei noch ermöglicht, ein Trainee-Programm bei Rotkäppchen-Sekt im Vertrieb zu absolvieren. In der Kombination hat mich das letztlich überzeugt, weil ich zum einen hauptberuflich auf gutem Niveau Fußball spielen konnte und zum anderen über das Trainee-Programm schon mal einen Fuß in die Tür setzen konnte bezüglich beruflicher Zukunft.“

EN: „Wie lief es sportlich für dich?“

JPR: „Sehr gut, wir sind in den zwei Jahren zwei mal aufgestiegen. Aktuell spielen die in der Regionalliga Nordost auch ganz oben mit. Die Stadt ist nicht der Hammer, aber das Umfeld passt und mit Nico Kleofas hat man einen Präsidenten, der voll dahinter steht und das Ziel 3. Liga fest vor Augen hat hat. Ich gehe davon aus, dass wir Nordhausen in den nächsten zwei, drei Jahren in der 3. Liga sehen werden.“

EN: „Obwohl es sportlich gut lief und finanziell reizvoll war, hast du dann einen Schritt zurück gemacht und bist in die Oberliga Hamburg zu Eintracht Norderstedt gewechselt.“

JPR: „Nordhausen wollte mich gerne halten. Zu dem Zeitpunkt war mein ehemaliger Cloppenburger Trainer Jörg Goslar (Anm.: war bis 01.04.2018  Trainer beim VfV Hildesheim) Trainer in Nordhausen, den hatte ich dahin geholt…“

EN: „Du?“

JPR: „Nordhausen war auf der Suche nach einem Trainer und ich wurde gefragt ‚Mensch, Rosi, hast du ne Idee, wen wir holen könnten?‘ Ich habe dann den Namen Jörg Goslar ins Rennen geworfen und den Kontakt hergestellt. Mit ihm ist Nordhausen zwei Mal aufgestiegen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt auch Angebote aus der Regionalliga Bayern zum Beispiel, aber ich wollte gerne zurück in die Heimat. Mit 27 Jahren weißt du, dass der Zug Profikarriere abgefahren ist und musst dir überlegen, was du willst. Dann kam der Anruf aus Norderstedt. Ein Arbeitskollege von meinem Vater, Andreas Babendererde, hat damals für den SCN gespielt. Wir waren bei jedem Spiel, sind auch auswärts gefahren. Und damals meinte ich zu meinem Vater ‚mal in diesem Stadion zu spielen, das wäre ein Traum für mich.‘ Ich wusste, dass Reenald Koch den Verein sehr gut führt, dass das Umfeld stimmt und man gewisse Ambitionen hat und habe dann sofort zugesagt. In meiner Heimatstadt zu spielen, in dem Stadion, wo ich als kleiner Junge immer zugeguckt habe, bedeutet mir sehr viel. Da hängt auch mein Herz dran, deswegen kommt für mich auch kein anderer Verein mehr in Frage.“

EN: „Du bist jetzt 32 Jahre alt, da muss man mal vorsichtig fragen: hast du dir ein Ziel gesetzt, wie lange du noch spielen willst?“

JKP: „Ich sage mal so: So lange meine Knochen es mitmachen, will ich spielen. Wenn ich vorzeitig aufhören würde, würde ich irgendwas vermissen. Ich hoffe, sie machen es noch eine Weile, man merkt schon, dass die Wehwehchen jetzt mehr werden. Sollte es so sein, dass Norderstedt mich als Spieler nicht mehr haben will, werde ich aufhören und mich auf die Trainerkarriere konzentrieren.“

EN: „War es für dich immer klar, dass du am Ende deiner Karriere nochmal in Norderstedt spielen willst?“

JPR: „Wer weiß, wie meine Karriere verlaufen wären, wenn ich mir nicht den Knorpelschaden zugezogen hätte und der Wechsel nach Leverkusen nicht geplatzt wäre. Oder wenn ich mich bei Oberneuland nicht am Knie verletzt hätte und sich der Wechsel zu Energie Cottbus, die Interesse an mir hatten, dadurch zerschlagen hätte… Aber Norderstedt ist meine Heimat, hier ist meine Familie, hier sind meine Freunde. Das war mit 27 Jahren natürlich früher als geplant, aber es war immer das Ziel, zurück zu kommen, ja.“

EN: „Du bist eine ganz andere Spielergeneration als Marlon Stannis, Jan Schrage oder Vico Meien. Macht sich der Altersunterschied in der Kabine bemerkbar?“

JPR: „Die Generationen haben sich extrem gewandelt. Früher bei St. Pauli saßt du als junger Spieler im Bus und warst ruhig, wenn erfahrene Spieler wie Michel Dinzey, Thomas Meggle oder Jens Scharping um dich rum waren. Da hast du dein Buch gelesen oder Walkman gehört und hast dich gar nicht getraut, was zu sagen. Und es war selbstverständlich, dass ich als junger Spieler die Tore trage, die Leibchen hole und die Wasserkisten schleppe. Was die älteren Spieler gesagt haben, war Gesetz. Heute weigern sich junge Spieler, die Tore zu tragen und geben erfahrenen Spielern Widerworte. Das hat sich insgesamt total gewandelt, nicht nur bei uns. Das gab es damals einfach nicht. Heute ist es auch so, wenn du ein Spiel verlierst, dass die Jungs direkt am Handy sind, erstmal WhatsApp checken oder Instagram-Storys posten… früher hat man sich erstmal mit dem Spiel beschäftigt, bevor man sich auf andere Dinge gestürzt hat. Ich nutze die neuen Medien auch viel, aber nach dem Spiel muss ich erstmal das Spiel und meine Leistung aufarbeiten, bevor ich mich um so etwas kümmere.“

EN: „Gibt es einen Spieler oder Trainer, von dem du besonders viel gelernt hast?“

JPR: „Ich hatte sehr viele gute Trainer, von denen ich viel gelernt habe. Holger Stanislawski, Jörg Goslar, Andreas Bergmann, Karsten Bäron waren alles Leute, die mich sehr geprägt haben. Am meisten hat mich aber wohl Thomas Doll geprägt, von dem habe ich sehr viel gelernt, nicht nur fußballerisch. Eer war auch ein Super-Typ, immer geradeaus, man konnte ihn zu jeder Zeit anrufen. Sehr viel gelernt habe ich auch von Uwe Jahn in der Hamburger Auswahl, mit dem ich immer noch sehr guten Kontakt habe. Aktuell bildet er die Trainer aus. Ich habe selten jemanden erlebt, der fachlich so top war. Auch Dirk Heyne aktuell, wobei ich da mehr darauf achte, wie er spricht und wie er ein Training leitet.“

EN: „Also weniger aus der Spielerperspektive sondern mehr aus der Zukünftiger-Trainer-Perspektive?“

JPR: „Genau, ich gucke mir viel von ihm ab. Auch wie er die Ansprachen hält, ich schreibe mir seine Trainingsübungen auf… als ich meine Trainerprüfung hatte, habe ich ihm meine Trainer-Übungen gezeigt und ihn gefragt, was er davon hält und mir Feedback geholt. Das kam dann auch sehr gut an und ich habe meine Trainerprüfung mit einer 1- bestanden.“

EN: „Respekt.“

JPR: „Ich war vor kurzem gerade für eine Woche bei David Karg Lara in Spanien und habe eine Woche beim CF Villarreal hospitiert, wo David aktuell Trainer ist…“

EN: „… David ist jetzt Trainer? Spielt er nicht mehr für CD Roda?“

JPR: „Doch, auch. Das ist ein Partnerverein von Villarreal. Eigentlich ist das Villarreal II, heißt nur anders. Da gehen die besten Jugendspieler von Villarreal hin, um schon mal auf Regionalliga-Niveau in den Herrenbereich rein zu kommen. David ist Trainer in der spanischen B-Jugend Bundesliga, da habe ich mir dann verschiedene Trainingseinheiten von A-Jugend, B-Jugend und Profis angeguckt. Das war sehr interessant für mich, weil in Spanien etwas anders gearbeitet wird als in Deutschland. Da saßen die Trainer von Profis bis zu den Bambinis jeden Tag um 10.00 Uhr zusammen und haben sich ausgetauscht, jede Mannschaft hat einen Psychologen, die haben einzelne Trainer für Tor, Abwehr, Mittelfeld, Sturm…“

EN: „Freut mich sehr für David, dass er da jetzt vom Fußball leben kann.“

JPR: „Für mich war das natürlich etwas blöd, ich habe ihn eine Woche besucht, aber er hatte kaum Zeit.“ (lacht) „Training, selbst spielen, Videos schneiden, Videoanalysen… das machen die Trainer alles selber.“

EN: „Was waren im Fußball die schönsten Erlebnisse für dich?“

JPR: „Schön war natürlich erst einmal der Aufstieg mit Eintracht in die Regionalliga, gerade für 24 - Jan-Philipp Rose2 (Anne)mich als Norderstedter ist es ein Highlight, wenn man die Stadt so repräsentieren kann. Und natürlich das Tor aus dem Oddset-Pokal-Finale gegen HR, das werde ich nie vergessen. Darüber hinaus die Deutschen Meisterschaften mit dem HSV in der B-Jugend Bundesliga, wo wir schon 2:0 gegen den VfB Stuttgart geführt haben und Mario Gomez dann leider noch drei Tore für den VfB gemacht hat… sehr ärgerlich, sonst hätten wir im Finale gegen Bayer Leverkusen gespielt, wo einiges drin gewesen wäre. Deutsche Meisterschaft in der A-Jugend, wo wir im Halbfinale gegen Bayern verloren haben… ich weiß gar nicht, ob Höcki da auch gespielt hat. Aber die hatten Spieler wie Schweinsteiger, Lahm und Trochowski in ihren Reihen. Oder als wir mit St. Pauli im DFB-Pokal bis in Halbfinale gekommen sind, weil wir alles mit „B“ geschlagen haben (Anm.: Burghausen, Bochum, Berlin, Bremen), das vergisst man auch nicht.“

EN: „Es gab allerdings natürlich auch negative Höhepunkte. An einen erinnere ich mich ganz besonders, weil ich live dabei war und die Szene noch vor Augen habe. Im August 2015 bist du mit unserem damaligen Keeper Ole Springer im Luftzweikampf zusammen gerauscht und hast schwere Gesichtsverletzungen davon getragen, das ganze Stadion stand unter Schock.“

JPR: „Ich weiß nicht mehr, wie das passiert ist. Ich habe einen totalen Filmriss.“

EN: „Aber du hast die Szenen ja sicher gesehen oder zumindest in der Zeitung gelesen.“

JPR: „Ja, aus Erzählungen weiß ich, dass Ole mich wohl getroffen hat, aber mehr auch nicht. Ich weiß nur noch, dass wir uns warm gemacht haben, ab dann weiß ich nichts mehr. Als es passierte, wusste ich nicht, wie ich heiße, wie ich aussehe…. Meine Eltern kamen in die Kabine um nach mir zu sehen, ich wusste gar nicht wer die beiden waren. Das war richtig schlimm, mein Gesicht war ja auch völlig zertrümmert, es war viel gebrochen. Mir fehlt immer noch ein wenig das Gefühl überhalb der Lippe und ich habe noch Probleme beim Kauen…“

EN: „Wie hast du das verkraftet?“

JPR: „Zu dem Zeitpunkt war ich kurz davor, mit dem Fußball aufzuhören, das ging mir sehr nahe. So eine Kopfverletzung kann auch ganz anders ausgehen, wenn man falsch fällt. Ich habe wirklich Glück im Unglück gehabt. Es ging mir in der Zeit nicht gut, hatte aber durch Freunde und Familie einen sehr guten Rückhalt. Aber ich war dann ja auch so bekloppt in der Birne, dass ich nach fünf Wochen schon wieder gespielt habe.“

EN: „Da waren wohl alle überrascht, dass du so schnell wieder kamst.“

JPR: „Ich selbst auch.“ (lacht) „Generell sind alle längerfristigen Verletzungen negativ in Erinnerung geblieben. Der Knorpelschaden, der mir den Vertrag mit Bayer Leverkusen versaut hat. Die Knieverletzung, die mich einen Vertrag in Cottbus gekostet hat. In der Jugend hatte ich beim HSV auch schon mal eine Knieverletzung, weswegen ich eine Einladung zur Jugend-Nationalmannschaft absagen musste. Sowas tut weh, weil es immer in den entscheidenden Momenten war. Aber vielleicht sollte es so sein, vielleicht hat das Schicksal einen anderen Plan für mich.“

EN „Hast du noch Ziele mit Eintracht Norderstedt?“

JPR: „Ja, auf jeden Fall. Ich möchte gerne nochmal den Oddset-Pokal holen und in der Liga nochmal oben angreifen und unter die Top 3 kommen. Und später als Trainer oder Co-Trainer hat man natürlich auch nochmal Ziele. Ich würde gerne als Trainer oder Co-Trainer mit Eintracht in die 3. Liga oder vielleicht mit der A- oder B-Jugend in die Bundesliga aufsteigen. Das ist natürlich alles noch sehr ferne Zukunft und man kann nicht immer alles erreichen, aber man kann sich Ziele setzen und ein bißchen träumen.“

EN: „Ich persönlich finde es ja – ganz allgemein – immer gut, wenn man verdiente Spieler in den Club mit einbindet. Trainer Jan-Philipp Rose – das klingt doch gut.“

JPR: „Die Vision ist ja, dass ich irgendwann den Trainer mache und Höcki mein Torwarttrainer wird. Das haben wir schon so geplant.“ (lacht)

EN: „Und Marin macht dann den Co-Trainer?“

JPR: „Das wäre bestimmt eine eine Super-Konstellation.“ (lacht) „Wir kennen uns ja alle schon länger und haben ewig zusammen gespielt…“

EN: „Und Philipp Koch als Sportchef?“

JPR: „Von mir aus sehr gerne, würde ich sofort so unterschrieben.“ (lacht) „Aber das sind alles Träume. Vielleicht irgendwann mal…“

EN: „Stichwort Träume: Wenn du für Eintracht Norderstedt einen deutschen Spieler deiner Wahl holen könntest… wer wäre das?“

JPR: „Egal aus welcher Liga?“

EN: „Ja, völlig egal.“

JPR: (überlegt) … (überlegt weiter) … „aktiver Spieler“ … (überlegt noch weiter) … „also aktuell würde ich glaube ich Thomas Müller nehmen. Ich finde ihn vom Typ her sehr sympathisch, der würde hier gut reinpassen. Bei der Nationalmannschaft ist er auch der Spieler, den ich am meisten bewundere. Top-Spieler und trotz seines Erfolges auf dem Boden geblieben. Der würde zu Norderstedt passen, ich denke wir würden viel Spaß haben.“

EN: „Für welchen Verein würdest du gerne mal spielen?“

JPR: „Für den HSV und St. Pauli habe ich schon gespielt… Real Madrid. Oder sowas wie FC Liverpool oder Celtic Glasgow. Das sind Vereine, wo Fußball noch gelebt wird, die über den Kampf zum Spiel kommen und solange kämpfen bis es nicht mehr geht, das ist mein Ding. Aber der Zug ist wohl abgefahren.“ (lacht)

EN: „Wenn dich einer fragt: ‚Warum soll ich zu Eintracht Norderstedt gehen, wenn ich auch HSV/St. Pauli haben kann…‘ was sagst du ihm?“

JPR: „Auch hier wird guter Fußball gespielt, auch hier herrscht bei Heimspielen eine gute Stimmung – hierfür nochmal Dank an die Supporters, dass ihr hier eine Fanbase aufgebaut habt – und das wird hoffentlich in den nächsten Jahren noch weiter wachsen. Was die Zuschauer erwarten können ist, dass wir immer alles geben. Wir hoffen natürlich, dass wir hier in den nächsten Jahren noch was aufbauen können und würden uns wünschen, wenn mehr Leute diesen Entwicklungsprozess mit begleiten.“

EN: „Vielen Dank für das Interview, Rosi, und viel Erfolg für den Rest der Saison!“