September: Deran Toksöz & Marin Mandic

Auch im September haben wir natürlich wieder ein Interview des Monats für Euch. Diesmal stellen sich gleich zwei Spieler vor, die in die Kategorie „Ziemlich beste Freunde“ gehören – unseren neuen Mannschaftskapitän Marin Mandic und Mittelfeld-Dirigent Deran Toksöz.

EN: „Hallo Deran, Hallo Marin, schön, dass ihr Euch die Zeit nehmt, Euch den Eintracht-Fans ein wenig näher vorzustellen. Also, erzählt mal: Wer ist die Person hinter dem Fußballer? Marin, magst du als Kapitän anfangen?“

MM: „Klar. Ich bin 29 Jahre alt, verheiratet, keine Kinder und von Beruf Polizist. Ich bin gebürtiger Kroate und Ende 1993 während des Balkankrieges nach Hamburg gekommen.“

EN: „Wie sahen deine fußballerischen Anfänge aus?“

MM: „Mit sieben Jahren habe ich bei Croatia Hamburg (Anm.: Im Stadtteil Marienthal ansässig) 3 - Marin Mandic1 (Marcus)mit Fußball angefangen, da war auf Grund meiner Herkunft die Verbindung von Anfang an da. Dann habe ich bei Lohbrügge, Concordia, Altona, bei Werder Bremen und dem FC Oberneuland (Anm: damals Regionalliga Nord) gespielt. Danach ging es zurück nach Hamburg zum FC St. Pauli und nun Eintracht Norderstedt. Ich bin also auf Grund des Fußballs in Norddeutschland schon etwas rumgekommen.“

EN: „Warst du von Anfang an Innenverteidiger oder hat sich das erst später ergeben?“

MM: „Ich war zumindest von Anfang an Abwehrspieler. Wir haben ja zuerst auf einem 7er Feld mit Dreier-Abwehrkette gespielt, da gab es sowas wie einen Innenverteidiger noch gar nicht.“

EN: „Du spielst hier mittlerweile seit vier Jahren und hast gerade um drei Jahre verlängert. Das passt so gar nicht in deine Vita…“

MM: „Das stimmt.“ (lacht) „Aber es macht hier so viel Spaß, ich hätte auch um fünf Jahre verlängert.“

EN: „Du hast gesagt, du arbeitest als Polizist. Polizisten haben ja in den seltensten Fällen geregelte Arbeitszeiten. Wie lässt sich das mit Regionalliga-Fußball vereinbaren?“

MM: „Die letzten beiden Jahre ging das ganz gut, weil ich in Teilzeit gearbeitet habe, nur deswegen war beides zu vereinbaren. Davor war ich ein halbes Jahr in Vollzeit mit Schichtdienst, das ging gar nicht. Teilweise war ich nur zu den Spielen da.“

EN: „Wie jetzt? Nicht trainieren, aber spielen?“

MM: „Ja, das war teilweise wirklich so, es ging einfach nicht anders. Ich hatte dem Verein aber von Anfang an gesagt, dass das erst einmal so sein wird. Ich hatte dann auch ein Gespräch mit unserem Coach Thomas Seeliger, dass das so nicht weitergehen kann. Da war aber schon in Klärung, dass ich auf Teilzeit gehen kann. Von daher konnte ich ihn beruhigen, dass sich das alles in Kürze klären wird. Das hat dann auch alles ganz gut geklappt.“

EN: „Aber jetzt stellst du wieder um auf Vollzeit. Was ist anders als damals?“

MM: „Ich habe in der Zwischenzeit die Dienststelle gewechselt. Da gehe ich ab 01.09. in Vollzeit, aber trotzdem lässt es sich in der neuen Dienststelle vereinbaren, dass ich sowohl zum Training als auch zum Spiel kommen kann. Ausnahmesituationen kann es natürlich immer geben, aber das ist ja bei jedem von uns Berufstätigen so.“

EN: „Das heißt, du bist dann tagsüber auf Streife und abends auf dem Platz oder wie muss ich mir das vorstellen?“

MM: „Streifenpolizist in dem Sinne nicht, wir haben eine spezielle Dienstgruppe. Aber aushelfen im Streifendienst werde ich häufiger, aber tagsüber, damit ich das mit Fußball vereinbaren kann.“

DT: „Er ist halt nur für die leichten Jobs da…“

MM: „Ja, so ungefähr.“ (lacht)

EN: „Deran, erzähl doch mal von dir…“

DT: „Ich bin genau wie Marin 29 Jahre alt und verheiratet. Ich komme aus Hamburg und habe mit sechs Jahren beim Horner TV angefangen. Nach fünf, sechs Jahren bin ich zu HT16 gegangen, was auch direkt in der Nähe war. Wir haben da auch relativ hochklassig gespielt. Von da aus bin ich mit 16 Jahren zum VfL Bochum gewechselt…“

EN: „Wie kommt man mit 16 Jahren als Hamburger zum VfL Bochum?“

DT: „Wir haben damals ein großes Turnier veranstaltet, wo auch der VfL Bochum dabei war. 28 - Deran Toksöz3 (Marcus)Danach gab es ein Länder-Auswahl-Turnier, wo die mich auch nochmal beobachtet hatten. Ich habe bei beiden Turnieren ganz gut  gespielt. Dann haben die mich angesprochen und es war relativ schnell klar, dass ich nach Bochum wechsle. Dort habe ich drei Jahre gespielt und bin dann wieder zurück nach Hamburg gekommen. In Hamburg habe ich zwei Jahre in der damaligen Oberliga für Bergedorf 85 gespielt. Von da aus bin ich dann zum FC St. Pauli gegangen. Dort war ich anderthalb Jahre, ehe ich zu Holstein Kiel gewechselt bin. Und von Holstein Kiel dann hierher nach Norderstedt. Ich war also nicht so ein Wandervogel wie Marin, ich habe immer relativ lange bei meinen Vereinen gespielt. Ich habe in Norderstedt nicht so ein Glück, dass in meinem Vertrag steht, dass ich nur spiele und nicht trainieren muss, aber es ist okay.“ (lacht)

MM: „Hast halt schlecht verhandelt.“ (beide lachen)

EN: „Dein Vertrag läuft noch bis Saisonende. Und dann verlängerst du auch um drei Jahre?“

DT: „Wenn Marin drei Jahre bekommt, muss ich eigentlich vier Jahre verlängern.“ (lacht) „Wenn Marin vor Reenald steht, wäre das bestimmt kein Problem sein, aber bei mir eher nicht…“

EN: „Vielleicht solltest du Marin dann als deinen Berater engagieren…“

DT: „Ja, das könnte ich eigentlich machen, daran habe ich noch gar nicht gedacht.“ (lacht)

EN: „Gab es für dich damals einen besonderen Grund, warum du nach Norderstedt gekommen bist?“

DT: „Als ich in Kiel war, habe ich zunächst eigentlich immer gespielt. Und dann bekamen wir einen Trainer, der nicht so auf mich gesetzt hat. Thomas Seeliger, der damalige Eintracht-Trainer, war schon eine ganze Weile hinter mir her. Im Winter 2013/2014 waren wir mit Holstein Kiel gerade im Trainingslager in der Türkei, da hat Seeliger mich angerufen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt in Kiel relativ wenig Spielzeit und nur noch ein halbes Jahr Vertrag. Ich habe dann mit einem Freund gesprochen und konnte bei dem eine Ausbildung zum Schifffahrtskaufmann anfangen. Und dann war auch relativ schnell klar, dass ich nach Norderstedt komme. Ich habe dann zum 01.02.2014 bei Eintracht angefangen und am 01.08.2014 die Ausbildung begonnen. Das war für mich extrem wichtig, dass das geregelt ist. Nur Fußball wollte ich nicht und so konnte ich dann beides machen. Seit Mitte Januar bin ich mit der Ausbildung fertig und arbeite da ganz normal bei einem Schiffsmakler in Altona.“

EN: „Das heißt, da hast du dann auch ganz geregelte Arbeitszeiten.“

DT:  „Ja, ich arbeite jeden Tag von 8.30 Uhr bis 17.00 Uhr, ich habe nicht so einen entspannten Job wie andere hier…“ (grinst Marin an)  „…aber es ist okay, das passt mit Fußball.“

EN: „Marin, warum bist du damals zu Eintracht gekommen? Wenn ich mich richtig erinnere, hast du damals bei St. Pauli gespielt und bist dann pünktlich zum Regionalliga-Aufstieg hierher gekommen? Hast du dir gesagt ‚auf Oberliga habe ich keinen Bock, aber wenn die Regionalliga spielen komme ich‘ oder wie war das?“

MM: „Nee, es war genau anders rum. Die Liga war mir egal, ich hatte schon vor dem Aufstieg für Ober- und Regionalliga zugesagt. Dass es Regionalliga geworden ist, ist natürlich umso schöner. Ich kannte Thomas Seeliger noch aus meiner Altona-Zeit. Wir sind danach zwar nicht in Kontakt geblieben, aber man kannte sich ja und er hatte natürlich meine Nummer. Zu der Zeit bei St. Pauli habe ich gerade meine Ausbildung begonnen. Im ersten Jahr war das alles noch machbar. Im zweiten Ausbildungsjahr musste ich ins Praktikum, wo ein halbes Jahr voller Schichtdienst zu leisten war. Das war bei St. Pauli einfach nicht möglich. Ich habe hier gleich gesagt, wie es bei mir im ersten halben Jahr aussieht und dass ich einen Tick weniger kommen werde. Der Verein konnte es sich trotzdem vorstellen, so dass ich dann hier zugesagt habe.“

EN: „Und im Sommer hat der ehemalige Wandervogel Marin Mandic gleich für drei Jahre verlängert. Ich kann also davon ausgehen, dass du dich hier im Verein wohl fühlst…“

MM: „Ja, absolut. Es gab ja schon vor der Vertragsverlängerung keinen Verein im Herrenbereich, bei dem ich so lange war. Vorher hat man so einiges versucht, mal hier und da ein, zwei Jahre gespielt und hin und her gewechselt in der Hoffnung, dass man irgendwo den Anschluss an den Profi-Bereich findet. Aber hier fühle ich mich mittlerweile so sauwohl, ich mag die Jungs alle…“

DT: „… die mögen dich aber nicht…“ (beide lachen)

MM: „Ja, stimmt, die Jungs mögen mich nicht… nein, Quatsch, ich verstehe mich mit allen Spielern und Offiziellen gut, es gab für mich überhaupt keinen Grund, diese lange Vertragslaufzeit nicht anzunehmen.“

EN: „Das heißt der Verein hat gleich gesagt ‚Marin, drei Jahre, hier unterschreib‘? Oder ging die Initiative von dir aus?“

MM: „Bislang habe ich hier zwei Mal für zwei Jahre unterschrieben, das ist eigentlich auch Standard. Und diesmal fragte mich Reenald ‚wie lange wollen wir denn eigentlich machen?‘ Ich meinte zu ihm ‚keine Ahnung…‘ und er antwortete ‚gut, dann trage ich mal drei Jahre ein.‘ Und dann habe ich eben für drei Jahre verlängert.“

EN: „Deran, du hast zweieinhalb Jahre für Holstein Kiel gespielt. Die sind jetzt aufgestiegen in die Zweite Bundesliga. Hast du noch irgendwelche Verbindungen zum Verein oder verfolgst du das noch?“

DT: „Nein, eigentlich nicht. Die meisten Jungs, mit denen ich damals dort gespielt habe, mussten irgendwann auch weg. Die Leute aus dem Trainerstab sieht man noch hin und wieder, weil da einige auch Scouts geworden sind. Wenn man sich sieht, dann redet man natürlich ein bisschen miteinander, aber ansonsten interessiert mich da eher Eintracht Norderstedt. Es ist ja auch nicht so, dass ich da ewig lange gespielt habe, von daher bin ich da auch nicht heimisch geworden. In Norderstedt bin ich jetzt fast vier Jahre, das ist schon ein bisschen was anderes.“

EN: „Wie würdet ihr Euch gegenseitig beschreiben? Sowohl fußballerisch als auch charakterlich?“

MM: „Fußballerisch ist Deran top. Er ist ein Spieler der es sehr gut drauf hat, Tempo ins Spiel zu bringen, aber auch das Tempo raus zu nehmen und den tödlichen Pass zu spielen. Das hat man sowohl in Havelse (Anm.: am 20.08. beim Pass zum 1:1 auf Linus Meyer) als auch gegen Lüneburg (Anm.: am 27.08. beim Pass zum 1:0 durch Sinisa Veselinovic) gerade sehr gut gesehen, technisch top und mittlerweile auf der Sechs auch ein kleiner Zweikämpfer geworden, kann super Pässe spielen…“

DT: „… besser als du…“

MM: „Ja, besser als ich, das stimmt… aber vom Charakter her geht der gar nicht.“ (lacht) „Auf dem Platz ist er lange Zeit ruhig, hat aber auch gelegentlich seine Ausraster. Was aber durchaus positiv ist, das braucht man einfach manchmal, um die Jungs wieder aufzuwecken. Wenn er lauter wird, dann hört auch jeder zu.“

EN: „Und menschlich?“

MM: „Wir verstehen uns sehr, sehr gut, haben dieselben Interessen, sind im selben Jahrgang, sind beide verheiratet…“

EN: „…aber nicht miteinander…“

DT: „Aber fast.“ (beide lachen)

MM: „Unsere Frauen verstehen sich auch sehr gut. Mehr fällt mir dazu gar nicht ein außer, dass wir wirklich gute Freunde sind.“

DT: „Seitdem ich hier bin haben wir uns fast blind verstanden und waren sofort auf einer Wellenlänge. Komischerweise kannten wir uns vorher eigentlich gar nicht, obwohl wir beide aus Hamburg kommen, gleicher Jahrgang sind… man hat sich sicherlich mal auf dem Spielfeld gesehen, aber nie unterhalten. Es passt halt einfach zwischen uns. Das sieht man aber auch, wir machen ja ständig Scherze miteinander und unternehmen auch privat viel gemeinsam mit unseren Frauen. Das passt alles sehr gut. Sportlich… man sieht es ja auch im Internet wie die Reaktionen auf Marin sind. Abwehrchef, Bollwerk… das stimmt schon alles. Dass ein Spieler von dieser Qualität bei Eintracht Norderstedt spielt, wundert mich sehr. Ich habe schon gegen viele gespielt, die höher spielen und nicht ansatzweise die Qualität von Marin haben. Von daher ist es eine Ehre, dass so ein Spieler hier überhaupt spielt, da können wir uns als Verein und Mannschaft extrem glücklich schätzen.“

MM: „Ich würde das gerne zurück geben, aber ich kann nicht…“ (beide lachen) „Nein, ich würde das genauso über ihn sagen. Man sieht es auf dem Platz, wie er die Fäden in der Hand hält. Mir fallen in der Liga keine zwei, drei Spieler ein, die auf seiner Position besser sind als er. Er ist auf jeden Fall einer der besten, wenn nicht sogar der beste, Mittelfeldspieler der Liga.“

EN: „Deran, du hast ja hier als Zehner angefangen und bist mittlerweile auf der Sechser-Position im defensiven Mittelfeld gesetzt. Welche der beiden Positionen liegt dir besser?“

DT: „Früher in Kiel habe ich auch auf der Sechs gespielt. Als ich hierher gekommen bin, war es eine andere Situation, da hat man jemand Kreatives in der Offensive benötigt, mit Linus Meyer und Philipp Koch dahinter. Ich spiele aber lieber etwas defensiver, ich brauche die Bälle und habe das Spielfeld gerne vor mir. Ich bin eher ein Typ, der das Spiel machen kann, von daher kam mir das sehr entgegen. Für Dirk Heyne war, auch ohne dass wir vorher darüber gesprochen haben, von Anfang an klar dass er mich auf der Position sehen will und das kam mir halt entgegen. Ich denke auch, dass Kangmin Choi, Linus Meyer oder Felix Drinkuth das auf der Zehn besser machen als ich. Die Jungs gehen auch gerne mal steil. Ich brauche da eher den Fuß und schicke die dann steil.“

EN: „Was ist das Besondere an Eintracht? Man hat das Gefühl, dass eigentlich keiner den Verein wirklich verlassen will. Andere Vereine haben eine ungeheure Fluktuation im Kader, bei uns sind es in den seltensten Fällen Stammspieler, die den Verein verlassen und wenn, dann wie bei Jerry Karikari oder David Karg Lara aus beruflichen/privaten Gründen. Warum wollen alle bleiben?“

MM: „Die Regionalliga ist die höchste Amateurklasse in Deutschland, wir spielen also quasi in der Bundesliga des Amateur-Fußballs. So viel mehr geht da ja gar nicht. Das ganze Umfeld hier ist wirklich top. Ich habe mal in einem Verein gespielt, wo ich drei Monate lang kein Geld bekommen habe, obwohl ich darauf angewiesen war. Bei Norderstedt hast du diese Probleme gar nicht. Der Verein ist super organisiert, spielt in der höchsten Amateurklasse… in der Mannschaft verstehen wir uns mittlerweile so super, dass einfach kein Spieler freiwillig gehen will, wenn er nicht ‚weggeschickt wird‘. Es passt einfach alles. Die Organisation im Verein, die Stimmung in der Mannschaft… es gibt einfach keinen Grund den Verein zu verlassen, wenn es für dich als Spieler halbwegs läuft und du auf deine Spielzeiten kommst.“

DT: „Das hat man auch gesehen bei den meisten Spielern, die weg mussten. Die haben auch gemerkt, was sie hier haben. Ich will uns auch gar nicht groß mit anderen Mannschaften vergleichen, aber wir spielen ja wenigstens noch Fußball. Viele Mannschaften spielen nur noch Kick and Rush oder sowas. Deswegen wissen die auch, wie gut es hier ist. Die Jungs, die weg mussten, waren derbe traurig und wollen eigentlich gar nicht weg oder am liebsten auch schon wieder zurück.“

MM: „Viele denken immer ‚oh, Norderstedt, die sind so arrogant‘… wenn die selber mal hier spielen würden, würden die erst merken, wir familiär das eigentlich alles ist, nicht nur in der Mannschaft sondern auch drum herum. Reenald ist häufig bei uns in der Kabine, Julia Karsten-Plambeck lässt sich häufig blicken, du bist auch häufig da, gehörst ja sogar zu den Jungs, die uns mit am Meisten unterstützen bei den Spielen. Das ist alle mega-familiär und miteinander verwachsen. Man fühlt sich einfach nur wohl.“

DT: „Ich bin ja zu einer Zeit gekommen, wo es in Norderstedt nicht wirklich eine Fankultur gab, da steckte das noch alles in den Kinderschuhen. Es ist sehr interessant zu sehen, wie sich das gerade entwickelt. Dass es nicht nur steht, sondern wächst. Langsam kommen mehr Fans, der Verein entwickelt sich weiter, langsam stellt sich auch der Erfolg mit der Mannschaft ein. Auch die Organisation vom DFB-Pokal im letzten Jahr zum DFB-Pokal in diesem Jahr war etwas komplett anderes, da hat der Verein aus der ersten Teilnahme sehr viel gelernt, so dass es dieses Mal wirklich top organisiert war. Man sieht, dass hier etwas wächst und das ist hochinteressant zu sehen und mit zu erleben. Andere nehmen es ja auch schon wahr. Auch wenn sie es vielleicht nicht zugeben wollen. Aber sie nehmen es wahr.“

EN: „Wie würdet ihr denn die Gesamt-Entwicklung des Vereins bewerten? Vielleicht auch im Vergleich mit anderen Regionalliga-Vereinen?“

MM: „Ich habe gerade gestern drüber nachgedacht. Nehmen wir mal den TSV Havelse als direkten Konkurrenten, die in vielen Dingen mit uns vergleichbar sind. Die sind eine absolute Top-Mannschaft der Regionalliga, ohne Frage. Aber – bei allem Respekt und bitte bloß nicht falsch verstehen – stagnieren sie in der Tabelle, man hat das Gefühl, es geht nicht weiter nach oben, als ob die da eine Grenze erreicht haben. Ich weiß nicht, wo das bei uns hinführt, ob wir auch am Limit sind oder es noch weitergeht. ich hoffe, dass hier alle auf dem Boden bleiben, egal wie viele Siege oder Punkte wir holen. Aber man merkt halt auf allen Ebenen, wie der Verein nach wie vor wächst und sich weiter entwickelt.“

DT: „Finde ich auch, es ist halt geil zu sehen. Bis auf ein Jahr haben wir auch in der Liga jedes Jahr eine bessere Platzierung erreicht. Mit Dirk Heyne ist alles noch ein Stück besser geworden, wir spielen noch besseren Fußball finde ich… bisher sieht man kein Ende.“

EN: „Was waren denn im Fußball bislang Eure größten Erfolge und was waren Eure negativsten Erfahrungen?“

MM: „Die schlimmste Zeit für mich war auf jeden Fall beim FC Oberneuland, wo wir lange Zeit sehr unregelmäßige Gehaltszahlungen bekamen und ich mal drei Monate auf mein Gehalt warten musste. Das war eine Katastrophe. Ich habe zu der Zeit nur Fußball gespielt und war auf das Geld angewiesen. Hätte ich nicht meine Familie oder würde nicht so eng mit denen sein und hätten die mich nicht unterstützt….ich weiß gar nicht, wie ich die Zeit überstanden hätte. Du bist jung, verplant im Kopf und hast keine Kohle… das war für mich wirklich die schlimmste Zeit. Der schönste Moment war die erste Unterschrift, die du unter einen Profi-Vertrag machst, damals bei Werder Bremen. An ein bestimmtes Spiel erinnere ich mich da jetzt nicht.“

DT: „Was? Nicht mal an den DFB-Pokal?“

MM: „Hätten wir gegen Wolfsburg gewonnen, wäre das sicherlich meine Nummer 1 gewesen.“

DT: „An was wirklich negatives kann ich mich gar nicht erinnern. Die besten Momente waren, als wir mit Holstein Kiel als Regionalligist die Überraschung im DFB-Pokal waren und die ersten drei Runden überstanden haben (Anm.: gegen Energie Cottbus, MSV Duisburg und den FSV Mainz 05) und dann erst im Viertelfinale gegen Borussia Dortmund ausgeschieden sind. Das war etwas ganz Besonderes, da haben wir Sachen erlebt, gerade mit dem Fernsehen, das kann man nicht beschreiben. Es war so ein Riesen-Event als Regionalligist im Viertelfinale zu stehen und dann auch noch gegen Dortmund, das war unglaublich. Aber die beiden Finalspiele im Oddset-Pokal waren auch etwas Besonderes. Gerade das Spiel gegen Altona, wenn man in der 89. Minute das Tor macht, weil das so aus dem Nichts kam und für den ganzen Verein so viel bedeutet hat.“

EN: „War das das wichtigste Tor deiner Karriere?“

DT: „Wenn du mich so fragst, auf jeden Fall, ja.“

EN: „Welche Ziele habt ihr mit Eintracht? So eine Geschichte wie mit Kiel im DFB-Pokal wäre doch mal ganz geil…“

DT: „Ja, aber das kann man nicht vergleichen. In Kiel haben wir ein, zwei Mal am Tag trainiert, das war auf Profi-Niveau. Als ich hergekommen bin, war das Ziel mit Eintracht, nicht abzusteigen. Als ich meinen letzten Vertrag unterschrieben habe, habe ich gesagt, ich will den Oddset-Pokal immer und immer wieder gewinnen. Und das muss auch das Ziel bleiben. In der Liga muss das Ziel sein, so weit oben wie möglich mitzuspielen. Früher haben wir immer gesagt ‚komm, lass die Großen ärgern und einen einstelligen Tabellenplatz erreichen‘. Aber jetzt bin ich soweit dass ich sage, mit unserer Qualität müssen wir unter die ersten fünf kommen, wenn wir es schaffen, unsere Leistung abzurufen.“

MM: „Vor allem dieses Jahr. Die Liga ist, glaube ich, nach dem Aufstieg der Ausnahmemannschaft Meppen, so ausgeglichen wie nie. Ich hoffe einfach, dass wir uns weiter so positiv entwickeln und den Oddset-Pokal möglichst jedes Jahr zu verteidigen, weil es echte Highlights sind, gegen Profi-Mannschaften zu spielen… und vielleicht haben wir dann auch irgendwann mal das Glück, eine Runde weiter zu kommen. Das wäre nochmal ein außerordentliches Ziel. Was die Regionalliga angeht weiß ich echt nicht, was nach oben hin geht. Wenn alle fit sind… ich meine wir haben auch ohne Leute wie Kangmin Choi oder Linus Meyer gute Spiele gemacht. Jemand wie Steven Lindener war gegen Havelse nicht mal im Kader… da merkst du, wie stark die Mannschaft mittlerweile auch in der Breite besetzt ist. Ich würde unseren Kader schon als einen der stärksten in der Regionalliga ansehen, wir haben in den vier Jahren Regionalliga viel gelernt. Mal schauen, wo die Entwicklung hingeht.“

EN: „Ist die 3. Liga ein realistisches Ziel?“

DT: „Als Spieler will man natürlich immer so weit oben wie möglich spielen. Ich habe mit Kiel ein halbes Jahr 3. Liga gespielt, das ist eine geile Erfahrung. Das ist auch keine Erfahrung die man erzählen kann, das ist eine Erfahrung, die man selber machen muss. Da kommen dann Leute extra zum Flughafen und wollen Autogramme haben. Das haben wir erlebt mit Kiel, das ist nochmal was ganz anderes als Regionalliga. Aber das ist nicht immer nur ein Wunsch des Spielers, sondern auch des Vereins. Und natürlich muss man auch sehen, was überhaupt machbar ist. Der Schritt in die 3. Liga ist so riesig, du brauchst so viel. Das Stadion, das drum herum. Wenn du im Süden spielst, musst du vielleicht auch mal hin fliegen… oder zumindest einen Tag vorher hinfahren mit Hotelübernachtung. Das muss am Ende der Verein entscheiden, ob er das überhaupt möchte oder kann. Die Spieler würden – glaube ich – alle sofort ‚ja‘ sagen.“

EN: „Ihr habt jetzt zwei Mal den Oddset-Pokal gewonnen und das zweite Mal hintereinander im DFB-Pokal gespielt. Was waren da die Unterschiede zum jeweils ersten Spiel, was habt ihr mitgenommen?“

DT: „Im Oddset-Pokal ist es in beiden Finalspielen glücklich gewesen. Wir waren beide Male wirklich schlecht, obwohl wir es viel besser können und auch schon gezeigt haben. Aber gut, Hauptsache gewonnen… wenn man sich die beiden DFB-Pokalspiele anguckt, da lagen Welten zwischen. Gegen Fürth waren wir richtig schlecht gegen den Ball, was wir gegen Wolfsburg extrem gut gemacht haben. Wir hätten vorne etwas mutiger sein müssen, dann hätte es vielleicht zu einer Sensation gereicht. Gegen Fürth waren wir ja das ganze Spiel über nicht so gut, auch wenn wir vielleicht ein Tor geschossen haben. Gegen Wolfsburg haben wir das aber schon richtig gut gemacht, darauf können wir aufbauen.“

MM: „Aus dem Oddset-Pokal zu lernen ist als ligenhöchste Mannschaft eher schwierig. Eigentlich sind wir auch die letzten beiden Jahre sehr gut durch den Wettbewerb gekommen. Und dann im Finale… da stimmt dann die Tagesform nicht, warum auch immer das genau auf diese Tage fällt… vielleicht ist es auch die Nervosität. Man macht sich den Druck ja auch selber. Wenn wir das abstellen können, können wir den Oddset-Pokal auch nochmal holen.“

EN: „Und DFB-Pokal?“

MM: „Gegen Greuther Fürth war irgendwie… ich weiß nicht. Da bekommst du das Gegentor kurz vor der Halbzeit… da hat uns wahrscheinlich die nötige Erfahrung gefehlt. Dieses Mal war es so, dass du in der 40. Minute auf die Uhr geguckt hast und dachtest ‘Alter, auf gar keinen Fall fangen wir uns jetzt noch ein Gegentor kurz vor der Pause, auf gar keinen Fall‘. Da warst du dann nochmal doppelt konzentriert und hast das 0:0 mit in die Pause genommen. Dass wir dann in der zweiten Halbzeit dieses blöde Standard-Gegentor bekommen, ärgert mich. Aber vielleicht lernen wir ja auch daraus, falls wir nochmal in den DFB-Pokal kommen sollten. Und wenn wir das abstellen… wer weiß, was dann möglich ist.“

EN: „Wie nehmt ihr als Spieler die äußeren Bedingungen war? Beeinflusst einen das, wenn man eben nicht vor 500 Zuschauern spielst, sondern vor vollem Haus?“

DT: „Wenn man gegen Wolfsburg vor knapp 5.000 Zuschauern, die einfach nur Lärm machen, ins Stadion geht, ist das natürlich schon was ganz anderes als wenn du vor 250 Zuschauern in Duvenstedt auf den Platz gehst. Natürlich motiviert es dich, dich zu zeigen, natürlich pusht es dich nochmal zusätzlich. Das ist schon ein besonderes Erlebnis, was richtig Lust auf mehr macht.“

MM: „Bei unseren Liga-Spielen weißt du genau, wer wo sitzt. Da winkst du einmal kurz rüber und brauchst gar nicht hingucken weil du genau weißt, wo die Familie sitzt. Und beim Spiel gegen Wolfsburg… ich habe erstmal 20 Minuten gesucht, wo die sitzen. Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie geil das ist, wenn das Stadion so voll ist.“

EN: „Denkt man an die TV Kameras? Dass man sich vielleicht in der ein oder anderen Situation etwas mehr zusammen reißt? Oder blendet man das völlig aus?“

DT: „Wenn man einen Spieler dabei hätte, der ein bisschen verrückt ist, dann mit Sicherheit. Aber wir haben ja niemanden, der Nonstop Tätlichkeiten begeht oder sowas. Vielleicht bei einem Tor, dass man dann mal einen Flick-Flack macht…“

MM: „Vorm Spiel fällt einem das sicherlich auf, da nimmt man die ganze Umgebung dann auch noch eher wahr. Aber mit dem Anpfiff ist das vorbei, da bist du voll fokussiert. Du bekommst das zwischendurch mal mit, aber wenn du in Zweikämpfe gehst oder Pässe spielst, gar nicht.“

EN: „Ist es vom Gefühl her etwas anderes, Oddset-Pokal-Finale zu spielen oder DFB-Pokal?“

MM: „Die Profis sind top geschult, schneller, besser im Zweikampf… die sind einfach in jedem Bereich besser. Von daher ist DFB-Pokal auf jeden Fall schwieriger zu spielen. Aber schöner würde ich nicht sagen. Gerade weil der Abstand im Pokalfinale zwischen einer Oberligamannschaft und uns deutlich geringer ist als der Abstand von uns zu einem Bundes- oder Zweitligisten. Der ganze Hamburger Amateur-Fußball ist da, will uns als Favoriten vielleicht stützen sein… das hat mehr Reiz. Für mich persönlich ist das Oddset-Pokal-Finale schöner zu spielen als DFB-Pokal.“

DT: „Das würde ich auch sagen.“

EN: „Wir kommen dem Ende entgegen und zu den Fragen, die an jeden gehen… wenn ihr einen deutschen Spieler Eurer Wahl zu Eintracht Norderstedt holen könntet, wer wäre das?“

DT: „Weil ich den Spieler so gerne mag, würde ich sagen: Ilkay Gündogan.“

EN: „Der spielt auch auf der Sechs, dann würdest du ja aus dem Team fliegen…“

DT: „Für den würde ich freiwillig Platz machen.“

MM: „Ich wollte gerade Toni Kroos sagen, dann würdest du auch aus dem Team fliegen…“ (lacht) „Wenn man seine ganzen Erfolge zuletzt sieht und was er aus seiner Karriere gemacht hat, das ist Weltklasse.“

EN: „Und wenn ich die Frage mal umdrehe… in welcher Mannschaft würdet ihr gerne mal spielen?“

DT: „Barcelona auf jeden Fall. Gar keine Frage.“

MM: „Als Kind war ich immer Fan von Manchester United und habe davon geträumt mal für ManU zu spielen. Die Guardiola-Zeit bei Barca fand ich auch super. Zu der Zeit unter Guardiola für Barcelona, das wär’s. Weil die wirklich alles dominiert haben.“

EN: „Wenn Euch einer fragt, warum er sich mal ein Spiele von Eintracht Norderstedt angucken sollte… was sagt ihr ihm?“

DT: „Weil hier ehrlicher Fußball gespielt wird. Ich kann nur jedem, der gerne Fußball guckt, raten: kommt nach Norderstedt. Kommt zu den Heimspielen und guckt Euch an, wie Marin Mandic in der Innenverteidigung spielt.“

MM: „Vom Tempo her ist es sicherlich etwas anderes als in der Bundesliga, aber bei uns wird genauso Fußball gespielt, werden genauso oder sogar noch intensiver Zweikämpfe geführt. Die Regionalliga ist vom Zeitaufwand her die intensivste Liga in Deutschland, weil alle nebenbei noch berufstätig sind oder studieren und dann am Wochenende noch das letzte bisschen aus sich rausholen. Das zeigt einfach nur, dass die Regionalliga so ehrlich wie nur möglich ist. Ich denke, dass es für „nur“ vierte Liga sehr ordentlich ist, was wir hier machen und es lohnt sich wirklich, mal zuzugucken.“

EN: „Vielen Dank Euch beiden für Eure Zeit und viel Erfolg für die Saison!“