Februar: Reenald Koch (Teil 1)

Heute startet unsere neue Serie „Interview des Monats“, in der wir einen Blick hinter die Kulissen Reenald Koch - Fotodes Vereins werfen und jeden Monat eine Person aus dem Verein interviewen wollen. Den Start machen wir mit dem ersten Teil des zweiteiligen Interviews mit dem Vereinspräsidenten Reenald Koch. (Das Interview wurde am 02.02.2017 geführt)

Gut gelaunt erscheint Reenald Koch zum Interview und hat gleich Neuigkeiten parat.

RK: „Lüne hat heute um drei Jahre verlängert, Choi um zwei.“

EN: „Das sind tolle Neuigkeiten. Jan Lüneburg gehört ja schon zum Inventar und Kangmin Choi hat seit Saisonbeginn eine tolle Entwicklung genommen.“

RK: „Ja, deswegen haben wir mit ihm verlängert. Aber seien wir realistisch, ob er auch so lange bleibt, steht auf einem anderen Blatt. Sollte St. Pauli absteigen und sein Bruder (Anm.: St. Pauli-Profi Kyoung-Rok Choi) den Verein wechseln, wird Kangmin mitgehen. Aktuell wohnt er mit seinem Bruder zusammen, wenn Kyoung-Rok in eine andere Stadt zieht und Kangmin alleine wohnen würde, müssten wir ihn wie einen Profi bezahlen. Das können wir nicht. Unter anderem deswegen haben wir auch Isaac Akyere verpflichtet.“

EN: „Stichwort: Profi. Du warst früher auch Fußball-Profi, hast für den FC St. Pauli in der 2. Liga gespielt. Kannst du uns was über deine Anfänge im Fußball erzählen?“

RK: „Ich bin groß geworden bei der Großflottbeker Spielvereinigung, bin dann über einen Sichtungslehrgang mit 14 Jahren in der Hamburger Auswahl gelandet. Dort hat mich der FC St. Pauli rekrutiert. Bei St. Pauli habe ich in der B-Jugend gespielt, bin in der A-Jugend zum HSV gegangen und nach einem Jahr zurück zu St. Pauli. Noch als A-Jugendlicher habe ich als Rechtsverteidiger am 30.07.1978 mein erstes Zweitliga-Spiel in Aachen gemacht und dann einen Profi-Vertrag bei St. Pauli bekommen. Allerdings wurde St. Pauli ausgerechnet in der Saison vom DFB die Lizenz entzogen und musste zwangsabsteigen. Ich hätte zum VfL Osnabrück wechseln können, aber dazu hat mir der Mut gefehlt. Also bin ich mit dem FC St. Pauli in die 3. Liga gegangen. Dort war ich dann über viele Jahre Stammspieler und bin mit dem Verein 1984 wieder in die 2. Bundesliga aufgestiegen.“

EN: „Statt 2. Bundesliga zu spielen, hast du dann aber nach dem Aufstieg den Verein gewechselt und bist im Amateur-Fussball geblieben. Die Chance auf Profi-Fussball lässt man sich doch normalerweise nicht entgehen. Warum bist du diesen Schritt gegangen?“

RK: „Ich wollte nicht, dass mir dasselbe Schicksal wie einigen anderen passiert. Ich hatte bis dahin eine astreine Vita. Lehre als Industriekaufmann bei der AEG, gearbeitet… und mit 24 Jahren überlegst du dir: was machst du? Ich habe mich dann für ein Studium entschieden und bin mit der halben St.Pauli-Mannschaft zu Altona 93 gewechselt, wo Willi Reimann Trainer war. Nach dem Studium bin ich gemeinsam mit Willi Reimann von Altona 93 zurück zum FC St. Pauli in die 2. Bundesliga gewechselt und habe dort 12 von 17 Spielen gemacht. Allerdings habe ich zum 01.03.1987 eine Anstellung bei Rotring als Assistent des Vertriebsleiters für Werbe- und Sonderartikel angenommen. Da ich dem Job Vorrang gegeben habe, habe ich mich re-amateurisieren lassen und danach noch jeweils fünf Jahre bei TuRa Harksheide und dem Glashütter SV in der Verbandsliga, der damaligen vierten Liga, gespielt, bevor ich mit 37 Jahren die Schuhe an den Nagel gehängt habe. In Glashütte habe ich unter Erwin Piechowiak gespielt, das war eine tolle Zeit. Großer Trainer und auch ein großer Mensch.“

EN: „Wie bewertest du die Entscheidung im Nachhinein. War es richtig, auf das Studium zu setzen oder hast du im Nachhinein gedacht „hätte ich es bloß weiter im Profi-Fussball versucht?“

RK: „Ich war ja Stammspieler und wenn man sieht, wo die Fußball-Entwicklung hingegangen ist, hätte ich vielleicht dabei bleiben sollen. Im Nachhinein muss man aber sagen, dass ich alles richtig gemacht habe. Ich habe es bei Rotring bis zum Marketing-Direktor weltweit gebracht und bin von da in die Selbständigkeit gewechselt.“

EN: „Und trotzdem hat dich der Fußball nicht losgelassen, auf einmal warst du zurück beim FC St. Pauli und saßt da im Präsidium. Wie kam das?“

RK: „Mein ehemaliger Mitspieler und einer meiner besten Freunde, Reinhard Kock, hatte mich angesprochen, ob ich nicht Interesse hätte, dem Verein als Vize-Präsident unter Heinz Weisener zu helfen. Ich habe mir die Bilanzen angeguckt und das Ganze dann für ein halbes Jahr gemacht, länger war es gar nicht vorgesehen. Dann kam Heinz Weisener auf mich zu und sagte „du, ich mache das nicht mehr.“ Plötzlich war Heinz Weisener weg, sein Geld war weg und St. Pauli ein Sanierungsfall. Der Etat lag damals bei 11,2 Mio DM, davon hat Weisener immer 5,2 Mio reingebuttert und wir mussten plötzlich mit 6 Mio DM hinkommen. Wir haben versucht, den Verein mit den Mitteln, die wir noch zur Verfügung hatten, auf Vordermann zu bringen und haben ein Trainingsgelände für die Jugend am Brummerskamp gebaut sowie das Trainingsgelände an der Kollaustraße. Die ganzen Verträge dafür tragen noch meine Unterschrift. Zeitgleich sind wir in die Bundesliga aufgestiegen.“

EN: „Trotzdem hast du dich ein halbes Jahr später zurückgezogen.“

RK: „Ich habe gemerkt, dass ich eine völlig andere Auffassung davon hatte, wie man einen Profi-Verein zu führen hat. Ein Profi-Verein ist aus meiner Sicht ein Wirtschaftsunternehmen und auf der Ebene sind Fans dann eben auch erstmal Kunden. Man lässt unabhängig vom Verein bei jedem Profi-Spiel, zu dem man geht, viel, viel Geld. Das ist ja nichts anderes, als wenn man in ein Musical geht. Mit der Einstellung stand ich aber relativ alleine da. Zeitgleich habe ich mein Unternehmen verkauft und war Generalmanager eines weltweit tätigen Handelsunternehmens mit Sitz in Paris. Das ließ sich dann zeitlich nicht mehr mit der Tätigkeit als Präsident vereinbaren. Also bin ich zurück getreten.

EN: „Ein halbes Jahr nach deinem Rücktritt bei St. Pauli hast du dann gemeinsam mit Horst Plambeck und weiteren Mitstreitern den FC Eintracht Norderstedt gegründet. Wie kam es dazu?“

RK: „Mein Sohn Philipp hat damals beim HSV in der E-Jugend gespielt. Ich erinnere mich noch als wäre es gestern gewesen. Die Jungs waren bei einem Turnier in Berlin und kamen heulend aus der Kabine. Ich habe gefragt „was ist denn mit Euch los?“ und die Jungs meinten „der Trainer hat gesagt, wir sind nicht würdig, das Trikot mit der Raute zu tragen.“ Dazu muss man sagen, dass der damalige Trainer von Fußball soviel Ahnung hatte wir eine Kuh vom Tango tanzen – nämlich gar keine. Das war schon beschämend. Wir sind dann mit einem Großteil der Mannschaft aus dem Verein ausgetreten. Zu dem Zeitpunkt hatte sich gerade der 1.Norderstedter FC gegründet mit dem Ziel, die Fußballabteilung des 1.SC Norderstedt zu übernehmen. Meine Frau war dann bei einer der Versammlungen und meinte danach: „Da spielt mein Sohn nicht.“

EN: „Der Norderstedter FC?“

RK: „Ja, der Verein wurde damals frisch gegründet von einem Österreicher namens Rothschädl. Nachdem meine Frau bei der Versammlung keinen guten Eindruck von dem Herrn gewonnen hatte, habe ich meinen Freund Horst Plambeck angerufen, der im Hintergrund etwas mitwirkte. Ich sagte ihm zu, dass ich mir den Verein mal genauer angucke. Und Horst antwortete „wenn du dabei bist, dann steige ich da voll mit ein.“ Dann habe ich mir das angehört und danach haben wir dem Herrn Rothschädl erzählt, wie es unserer Meinung nach geht. Der sagte daraufhin „Nee, Nee, so geht das nicht. Ihr gebt mir Geld und ich verteile das dann.“ Und wir haben ihm geantwortet „Herr Rothschädl, genau so geht es eben nicht.““

EN: „Und das war dann der Startschuß für Eintracht Norderstedt?“

RK: „Genau. Daraufhin haben Horst Plambeck und ich gemeinsam mit Eddy Münch, Manfred Lendzian, Hubert Hatje, Hinrich Töllner, Ulrich Lutkus und Günter Lüdemann Eintracht Norderstedt gegründet.“

EN: „Wie seid ihr auf den Vereinsnamen gekommen?“

RK: „Eintracht kommt vom Ursprungsverein Eintracht Garstedt, für Norderstedt haben wir uns entschieden, weil wir die Fußballabteilung vom 1.SC Norderstedt übernommen haben. Ich habe die Verhandlungen mit dem SCN geführt und so sind wir dann im April 2003 an den Start gegangen.“

EN: „Das war relativ zeitnah, nachdem du das Präsidentenamt beim FC St. Pauli aufgegeben hast!?“

RK: „Ich bin Ende 2002 bei St. Pauli zurück getreten und wollte eigentlich gar nichts mehr machen, aber was tut man nicht alles für sein Kind. Und wie gesagt: meine Frau wollte nicht, dass unser Sohn beim Norderstedter FC spielt.

EN: „Das heißt, Philipp war die Motivation für dich, Eintracht Norderstedt zu gründen?“

RK: „Auf jeden Fall die Hauptmotivation, ja. Und natürlich die Jungs, die mit Philipp gespielt haben. Der 90er Jahrgang, das war schon ne geile Truppe. Wir haben uns richtig um die Jungs gekümmert und Ralf Schehr als Trainer gewinnen können. Der hat den Jungs erstmal beigebracht, was Raumaufteilung ist. Da merkt man eben auch, dass ein Mann wie Ralf Schehr über ein hohes Wissen verfügt – ohne diese Grundausbildung wären unsere Jungs nicht da, wo sie heute sind. Als Nachfolger haben wir in der A-Jugend Andreas Prohn verpflichtet, der mit der Mannschaft in die Regionalliga aufgestiegen ist. Das war das erste Mal, dass Eintracht Norderstedt mit einer Mannschaft in die Regionalliga aufgestiegen ist. Und der 90er Jahrgang hat in der Saison 2008/2009 auch den Grundstein für die Oberliga-Mannschaft gebildet. So haben wir den Verein Stück für Stück aufgebaut und es hält ja – toi, toi, toi – bis heute an, dass wir die Hälfte des Kaders aus dem eigenen Nachwuchs bestücken können. Das Spieler wie Jordan Brown oder Isaac Akyere bei interessanten Angeboten natürlich auch mal den Verein verlassen, ist ja normal…“

EN: „… aber sie kommen irgendwann ja auch wieder nach Hause.“

RK: „Das zeugt eben von dem guten Verhältnis, was wir über die Jahre aufgebaut haben. Und der nächste Kandidat, der sicher einer für höhere Aufgaben ist, ist Hamo (Anm: Innenverteidiger Hamajak Bojadgian). Ich weiß nicht, was die in Hamburg beim FC St. Pauli oder beim HSV sehen, aber so einen Innenverteidiger gibt es in keiner U23 und wenn der ein halbes Jahr Profi ist, spielt der ganz oben.“

EN: „Interessant, dass du ausgerechnet Hamo ansprichst. Der hat gerade seinen Vertrag verlängert, oder?“

RK: „Ja, um zwei Jahre. Hamo ist mit Sicherheit jetzt schon ein Drittliga-tauglicher Spieler. Und der kann auch oben, ganz oben, spielen. Das Problem ist nur, dass Spieler, die nicht durch die Talentschmieden der Bundesliga-Vereine laufen, bei denen nicht auf dem Zettel stehen. Insofern gibt es sicherlich auch bei den Bundesliga-Vereinen Nachholbedarf, einfach mal nach links und rechts zu gucken und nicht nur in ihrem eigenen Stall zu bleiben.“


Dies war der erste Teil unseres Interviews mit Reenald Koch – der zweite Teil folgt am 1. März! Dort dreht es sich dann zu einem Großteil um aktuelle Veränderungen im Verein.

  • wie die neue Vize-Präsidenten Julia Karsten-Plambeck den Verein in Teilen revolutioniert
  • was Eintracht Norderstedt mit Elbkick.TV zu tun hat
  • welchen Wert Eintracht für die Stadt Norderstedt hat
  • was hinter dem Thema „neues Stadion“ steckt.
  • Welchen Spieler Reenald Koch sofort zu Eintracht Norderstedt holen würde