Dezember: Ekki Bushe

Wer über Jugendfußball bei Eintracht Norderstedt spricht, kommt an dem Namen Ekkehard „Ekki“ Bushe nicht vorbei. Ekki ist seit vielen Jahren Jugendleiter von Eintracht Norderstedt und seit Oktober 2016 zusätzlich Teil des Präsidiums. Grund genug, Ekki mal ein wenig näher zu beleuchten und einen Blick auf unsere Jugendarbeit zu werfen. Was sind das für Trainer im Jugendbereich, die sich ehrenamtlich engagieren? Welche Anforderungen gibt es an die Trainer, welche Ziele verfolgt der Verein? Warum haben wir nur eine A-Jugend und wo bleibt der nächste Levan Öztunali? Wir haben mal nachgefragt.

EN: „Hallo Ekki, vielen Dank, dass du dir die Zeit für unser Interview des Monats nimmst. Du warst langjähriger Jugendtrainer, bist Jugendleiter und nun ebenfalls Teil des Präsidiums. Wann hast du deinen Weg zu Eintracht gefunden?“

Ekkehard Bushe03_600x800EB: „Ich glaube, es sind 12 oder 13 Jahre, die ich bei Eintracht Norderstedt bin. Ich bin damals vom Glashütter SV hierhergekommen, habe zunächst die D-Jugend trainiert und bin dann alle Jahrgänge über die C und B-Jugend hochgegangen. Ralf Schehr war damals ein Jahr für uns als Jugendleiter und U19-Trainer tätig, ich war zu dem Zeitpunkt sein Stellvertreter in der Jugendleitung und habe parallel die U17 trainiert. Dann habe ich die U19 Regionalliga Mannschaft von ihm übernommen. Das war ein ganz heikles Jahr, denn wir wären beinahe abgestiegen. Am Ende der Saison hat Ralf den Verein verlassen und Ich habe die Jugendleitung übernommen.“

EN: „Das ist etwa zehn Jahre her. Wie hast du die Doppelaufgabe Jugendleiter und Trainer gemeistert?“

EB: „In der Zeit habe ich mehr Zeit auf dem Trainingsgelände verbracht als bei mir zu Hause. Mein Sohn hat hier im Verein anfangs auch noch Fußball gespielt, das hat es etwas einfacher gemacht. Zumal ich alleinerziehender Vater bin. Mittlerweile ist der Junge 20, da muss ich nicht mehr viel dran herum erziehen. Ich bin die meiste Zeit meines Lebens selbständig gewesen, sonst hätte ich das gar nicht machen können. In den Zeiten war es ein echter Balance-Akt, aber es ging.“

EN: „Hast du mal überschlagen, wieviel Zeit du hier für den Jugendfußball aufwendest? Ist das als Jugendleiter weniger als vorher?“

EB: „Viel weniger, ja. Aktuell bin ich etwa drei Tage die Woche auf der Anlage. Vorher war ich ja sowohl Trainer als auch Jugendleiter. Das hatte natürlich Vorteile. Ich war jeden Tag auf der Anlage, war viel präsenter und habe jedes Problemchen sofort mitbekommen. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Ich habe meine regelmäßigen Zusammenkünfte mit den Trainern, im Leistungsbereich sitzen wir etwa alle sechs Wochen zusammen.“

EN: „Was waren deine ersten Aufgaben als Jugendleiter?“

EB: „Wir haben versucht, im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten von Eintracht Norderstedt eine sinnvolle und zielorientierte Struktur im Jugendbereich aufzubauen. Die größte Herausforderung in der Jugendleitung ist dieselbe wie in jedem anderen Verein: Wie gewinne ich Ehrenamtliche? Wenn du für unsere Regionalliga-Mannschaft einen Trainer suchst, wirst du sicher keinen Mangel an Bewerbern haben. Wenn ich für unsere U19-Regionalliga Mannschaft suche, habe ich auch keinen Mangel an Bewerbern. Ein großes Problem ist es bei den Kleinsten in der G-, F- und E-Jugend. Wie finde ich Leute, die viel Zeit opfern, um den Jungs Spaß und Freude am Fußball zu vermitteln?“

EN: „Was muss denn jemand mitbringen, der Trainer bei den Kleinsten werden will?“

EB: „Das Anspruchsdenken ist in dem Bereich nicht sonderlich hoch. Ich bin schon froh, wenn die Trainer sich zumindest bereit erklären, einen Basis-Lehrgang zu besuchen. Wenn sie sich mit der Thematik auseinandersetzen. Wie vermittle ich den Jungs Spaß und Freude am Fußball. Wie bilde ich richtig aus? Was muss ich in welchem Alter überhaupt machen? Wenn ich überlege, wie damals trainiert wurde, als ich noch Fußball gespielt habe… Wenn wir das heute machen würden, hätten wir sofort Beschwerden von den Eltern und würden eine Anzeige nach der anderen wegen Körperverletzung bekommen. Entengang um den Platz zum Beispiel, dafür würdest du heute wahrscheinlich gesteinigt werden. (lacht) In dem Bereich hat sich in den letzten Jahren wahnsinnig viel getan. Viele Leute, die heute bei uns Trainer sind, haben so oder ähnlich Fußball kennengelernt. Wenn du auf diesem Gebiet nicht bereit bist, dich weiterzubilden, kannst du kein vernünftiger Jugend- oder Kindertrainer sein.“

EN: „Das heißt, man muss lediglich gut mit Kindern umgehen können, ein erweitertes Führungszeugnis vorweisen können und Bereitschaft zur Weiterbildung zeigen. Vor-Erfahrung ist nicht notwendig?“

EB: „Nein. Wenn wir da Ansprüche stellen würden, müssten wir wahrscheinlich alles alleine machen. Wir versuchen aber, die Leute im Breitensport-Bereich zu unterstützen und mit ihnen Schulungen zu machen. Das einfachste ist heute, die Internetmedien zu nutzen. Im DFB-Intranet ist zum Beispiel extrem viel passiert. Dort gibt es komplette und abwechslungsreiche Trainingspläne für alle Altersstufen, die man sich aus dem Netz holen kann. Das ist kinderleicht, das können wir beide auch. Der Punkt ist: Kann ich diese Trainingspläne mit Leben füllen? Kann ich sie so gestalten, dass ein sechs- oder siebenjähriger so viel Spaß am Fußball hat, dass er nächstes Mal wiederkommen möchte?“

EN: „Der Breitensport-Bereich endet bei uns bereits in der E-Jugend, ab der D-Jugend beginnt der Leistungsbereich…“

EB: „Meiner Meinung nach ist das viel zu früh. Wir sind aber dazu gezwungen.“

EN: „Inwiefern?“

EB: „Der Hamburger Fußball-Verband hat eine Regelung geschaffen, nach der jede Mannschaft ihren Liga-Erfolg in die nächste Altersstufe mitnimmt. Das heißt konkret, eine 1. D-Jugend (U13) spielt schon um den Einzug in eine Landesliga für den jungen C-Jahrgang (U14). Dafür muss sie sich sportlich qualifizieren. Die Landesliga ist wiederum die Voraussetzung, um sich für die C-Oberliga und dann für die C-Regionalliga zu qualifizieren. Unser erklärtes Ziel im Jugendbereich ist, dass wir mit C-, B- und A-Jugend mindestens in der Regionalliga spielen wollen. Das ist extrem schwer, aber nichtsdestotrotz unser Ziel. Deswegen muss eine U13 schon relativ gefestigt sein, damit sie die Ziele in der U14 erreichen kann.“

EN: „Wie genau läuft das mit den Aufstiegen?“

EB: „Der Aufstiegs-Jahrgang ist immer der junge Jahrgang. Jetzt Ekkehard Bushe02_600x800kann zum Beispiel nur die 2.C-Jugend aufsteigen, um dann in der 1.C-Jugend in der Regionalliga zu spielen. Einzige Ausnahme ist die A-Jugend. Dort war es zunächst auch so geplant, dann hat man aber gemerkt, dass es in dieser Altersklasse zu wenig Fußballer gibt, so dass viele Vereine nicht einmal eine A-Jugend zusammenbekommen. Wenn jetzt aber unsere 1.C-Jugend (U15) aus der Oberliga absteigen sollte, dann spielt sie in der 2.B-Jugend (U16) nachher Landesliga. Die Mannschaft nimmt also ihren sportlichen Erfolg mit, solange sie im Hamburger Fußball unterwegs ist.“

EN: „Und wie sieht es darüber hinaus aus?“

EB: „Im Norddeutschen Fußball-Verband, also ab der Regionalliga, ist es anders. Wenn ich mit der C-Jugend die Regionalliga halte, dann halte ich sie, selbst wenn mein Jahrgang eigentlich rausgeht. Dann erbt der jüngere Jahrgang diesen Platz, egal was er selber dafür getan hat. Das kann natürlich bedeuten, dass ich plötzlich Regionalliga spiele, obwohl ich im jüngeren Jahrgang nur auf Landesliga-Niveau war. Deswegen haben wir uns früher immer leichter getan, auch wenn man vielleicht einen schwachen Jahrgang dazwischen hatte, weil die starken Jahrgänge immer automatisch viel Zulauf haben. Wenn du jetzt mit einem eigentlich starken Kader in einer schwachen Liga ranmusst, will kaum noch einer kommen. Da ist man den Anträgen vieler kleiner Vereine gefolgt. Angeschoben wurde das Ganze von Quickborn, weil die mal einen starken Jahrgang hatten, aber der Jahrgang davor schlecht war. Dann konntest du mit deiner U16 Oberliga-Meister werden – wenn die U17 nur Bezirksliga gespielt hat, musstest du mit der Mannschaft nächste Saison in der Bezirksliga ran. Beides hatte seine Vor- und Nachteile. Es hat uns jedenfalls die Situation beschert, dass wir schon sehr früh leistungsorientiert und selektiv arbeiten müssen. Meiner Meinung nach ist das in der D-Jugend zu früh, ist aber notwendig, um für die 2.C-Jugend eine vernünftige Truppe zusammen zu stellen.“

EN: „Wenn es eigentlich zu früh für den Leistungsbereich ist, kann man dann nicht zumindest weitere D-Jugend-Mannschaften im Bereitsportbereich anbieten, wo der Spaß am Spiel im Vordergrund steht?“

EB: „Wenn der Platz da wäre, könnte man es sicherlich ähnlich wie der Niendorfer TSV machen, wo Massen von jungen Fußballern zu Hause sind. Aber den Platz haben wir nicht. Wenn du dich jetzt mal umguckst, zur Haupttrainingszeit um 18.00 Uhr, wo die jungen Kicker noch können und die älteren schon, haben wir hier fünf Mannschaften auf drei Trainingsplätzen. Die beiden großen Trainingsplätze werden halbiert, der Kleine wird von einer Truppe genommen. Das zeigt ja schon: mehr geht nicht. Wir können ja nicht zur einer 4. oder 5. D-Jugend sagen „ihr trainiert jetzt um 14.00 Uhr“.“

EN: „Welche Auswirkungen hat der Platzmangel noch?“

EB: „Im Leistungsbereich gibt es keine zweiten Mannschaften mehr, sondern nur eine Mannschaft pro Jahrgang, die sich dann Jahr für Jahr neu ergänzen muss, wo man sich dann vielleicht auch mal von dem einen oder anderen Spieler trennen muss. Das ist natürlich bitter. In den Leistungszentren vom HSV oder FC St. Pauli wird das so auch akzeptiert, bei uns ist es manchmal schwierig, wir sind ja „nur ein Amateurverein“. Nichtsdestotrotz können wir so gewährleisten, dass unsere Leistungsteams jeden Tag eine Trainingseinheit machen könnten. Ab der U15 hat jede Jugendmannschaft fünf Trainingszeiten pro Woche, das hast du in vielen Vereinen nicht.“

EN: „Im Jugendbereich wird fünf Mal in der Woche trainiert?“

EB: „Nicht zwingend. Der Trainer kann selber entscheiden, wann und wie er diese Zeiten nutzt. Ich habe in meiner Trainerzeit alle fünf Trainingszeiten genutzt, teilweise aber nur Mannschaftsteile trainiert. Einen Tag kamen nur die Defensivspezialisten, den anderen nur die Offensivskräfte, um wirklich ganz speziell und situativ trainieren zu können. Vielleicht nutzt der Trainer auch nur vier Tage und macht Dienstag oder Mittwoch frei. Das kann er machen, wie sein Plan es zulässt.“

EN: „Wie sieht es im Jugendbereich aus mit Spielbeobachtungen?“

EB: „Wir beobachten auch im Jugendbereich die Gegner, klar. Ich habe drei Jahre gemeinsam mit Dirk Heyne unsere U19 gemacht. Wir waren einen Tag am Wochenende gemeinsam auf dem Platz und am nächsten Tag war mindestens einer von uns, meistens beide, irgendwo in Norddeutschland unterwegs und haben uns die nächsten Gegner angeguckt. In der Regionalliga musst du das machen.“

EN: „In welcher Altersklasse fängt es an, dass man Spiele beobachtet oder Spieler scoutet?“

EB: „Es ist immer schwer zu sagen, wo es anfängt. Wenn ich mich im Leistungsbereich auf einen Gegner vorbereiten kann, dann ist das schon sinnig. Es sei denn, meine Mannschaft ist so stark, dass ich weiß, ich mache mein Spiel, es ist mir total Banane wer der Gegner ist. Aber das ist ja leider Gottes nur selten der Fall. Aber du musst eben auch Leute haben die bereit sind, so viel von ihrer privaten Zeit zu opfern. Und das kann man nicht immer und von jedem verlangen.“

EN: „Gibt es so etwas wie eine einheitliche Philosophie, eine einheitliche Spielidee, die sich durch den gesamten Jugendbereich zieht?“

EB: „Eine einheitliche Spielphilosophie gibt es in den Jugendleistungszentren. Es gab eine Zeit, da hat der HSV im Jugendbereich nur vertikal gespielt. Das war für uns herrlich. Wir konnten jedes Spiel gewinnen, wir mussten nur das Zentrum dichtmachen, die Außenbahnen konnten wir vernachlässigen. Da war es für uns relativ easy, gegen so einen Gegner gut auszusehen.“

EN: „Aber eine einheitliche Philosophie gibt es, nach der ihr arbeitet?“

EB: „Philosophie ist etwas hochgegriffen, das hört sich so mega-professionell an. Das trifft es nicht ganz. Wir haben einen Ausbildungsleitfaden erarbeitet, wo wir für uns festgelegt haben: was wollen wir in welchen Jahrgängen eigentlich machen, welche Schwerpunkte haben wir? Gibt es bestimmte Spielsysteme, die wir besonders unterstützen? Was ist unser Plan? An diesem Leitfaden arbeiten wir ständig herum. So ein Konstrukt lebt und entwickelt sich ständig weiter. Wir haben es bewusst Leitfaden genannt, weil das Ganze den Trainern etwas Spielraum lassen soll.“

EN: „Das heißt, die Trainer haben einen gewissen Freiraum in ihrem Handeln?“

EB: „Ja, auf jeden Fall. Ich kann ja selbst wenn ich es wollte, keinen Druck ausüben. Wenn ich dem Trainer sage „du machst es so und so“ dann sagt er zu mir doch „dann mach deinen Scheiß alleine“. Die Trainer im Leistungsbereich bekommen alle eine Aufwandsentschädigung und bringen hier unterm Strich viel mehr ein als sie bekommen. Wenn wir entwicklungstechnisch den nächsten Schritt machen möchten, dann wäre das fast der Etat unserer ersten Mannschaft. Dafür bräuchten wir richtig viel Geld, weil wir dann auch zwei, drei hauptamtliche Trainer bräuchten. Dann müsste man im Leistungsbereich ganz oben den Spielern Geld zahlen, ausstattungsmäßig müssten wir was machen… wir suchen seit vielen Jahren einen Sponsor, der bereit ist, die Jugend auszustatten, so dass wir von der D-Jugend bis zur A-Jugend die gleichen Klamotten haben. Wer soll das tun? Das kostet 25.000 – 30.000 Euro im Jahr.  Für was? Dafür, dass ein paar Jugendliche in Hamburg in Klamotten mit meinem Schriftzug rumlaufen? Die Werbewirksamkeit ist einfach nicht gegeben. Auch nicht, wenn wir in der Regionalliga oder Bundesliga spielen. Wir haben ja mit der U17 in der Bundesliga gespielt und hatten wirklich viele Unterstützer. Stadac hat uns sehr, sehr gut unterstützt, aber faktisch spielst du auch dann nur vor 50-100 Zuschauern und bist nicht großartig in den Medien vertreten. Zumindest nicht in dem Maße, dass einer sagt „cool, da möchte ich mich gerne präsentieren.“ Das geht nur über große und starke Partner die sagen „das ist unser Verein, die Jugendabteilung nehmen wir mit.“

EN: „Was war der bislang größte Erfolg deiner Amtszeit im Jugendbereich?“

EB: „Das war sicher die U17-Bundesliga, damals mit Aki Cholevas (Anm.: später langjähriger Trainer bei Concordia) als Trainer. Statt Rahlstedt, Eimsbüttel oder Bremerhaven spiels du auf einem Mal in Dresden oder Berlin. Das war für uns alle ein tolles Erlebnis, in der höchsten Klasse zu arbeiten.“

EN: „Du hast gesagt, das Resultat der Arbeit hängt immer an den handelnden Personen. Muss man dann auch mal tiefer in die Tasche greifen, um einen Top-Trainer für den Nachwuchsbereich zu bekommen und eventuell mit einer Mannschaft noch einmal Richtung Bundesliga zu schielen?“

EB: „Ich habe immer gesagt, wir machen hier alle dieselbe Arbeit, es kann nicht sein, dass ein Trainer hier exorbitant mehr verdient als andere. Das ist früher so gewesen, das haben wir geändert. Es gibt eine Mindesthöhe, die aber so ist, dass jeder Hamburger Verein das auch machen könnte. Wir haben bei Eintracht Norderstedt begrenzte Mittel und damit müssen wir auskommen. Andere Vereine finanzieren Top-Trainer durch private Investoren, von daher könnte man natürlich sagen: „Wir nehmen richtig Geld in die Hand, auch durch Unterstützung von außen“ – aber das wollen wir nicht und damit kann man auch nicht wirklich rechnen. ich weiß auch nicht, ob das für den Teamspirit und für den Verein gut ist, wenn der eine hier fünf Mal die Woche auftaucht und alles gibt und dann 300 Euro bekommt und der nächste macht das gleiche, wird aber von außen mitfinanziert und bekommt ein Vielfaches davon. Das ist ein Ungleichgewicht, das scheint mir nicht gesund zu sein. Deswegen verzichte ich dann lieber, als dass irgendwelche reichen Eltern dem Trainer mal jeder 500 Euro gibt… wie soll der Trainer dann die Mannschaft vernünftig aufstellen? Ich denke, dass das für uns nicht der richtige Weg wäre. Natürlich wünschen wir uns alle, sportlich noch ein wenig erfolgreicher zu sein, auch wenn es Durch die vielen Vereine, die sich in den Regionalligen etablieren, immer schwieriger wird in Hamburg.“

EN: „Früher konntest du als junger Spieler auswählen, ob du zu Eintracht kommst oder nach Niendorf gehst. Jetzt spielt Niendorf in der Bundesliga, da ist man plötzlich nur noch dritte Wahl, oder? Es sind ja vor der Saison auch gleich fünf Spieler aus unserer A-Jugend nach Niendorf gewechselt. Das macht es für euch deutlich schwieriger.“

EB: „Ja, keine Frage. Wenn ich die Möglichkeit habe, Bundesliga zu spielen, mache ich das. Normalerweise hast du die 50 besten Spieler im Einzugsgebiet weg, die gehen zum HSV oder St. Pauli. Und dann war es früher oft so, dass Nummer 51 bis 75 bei uns gelandet ist. Jetzt hast du in der C-Jugend viele Hamburger Mannschaften in der Regionalliga, in der B-Jugend haben wir mit dem Eimsbütteler TV sogar einen Bundesligisten – auch wenn es für kleinere Vereine sehr, sehr schwer ist, diese Klasse zu halten. Wenn heute ein Spieler leitungsorientiert trainieren und hoch spielen möchte, hat er in Hamburg viele Möglichkeiten dazu, er muss nicht mehr nach Norderstedt kommen. Wenn ein Stadtteil-Verein – ich meine das überhaupt nicht böse – das erste Mal in die Regionalliga aufsteigt, wird die gesamte Power des Vereins in diese Truppe gepumpt, das ist natürlich auf den ersten Blick sehr attraktiv. Ich weiß noch, als Nettelnburg/Allermöhe das erste Mal in die B-Regionalliga aufgestiegen ist: da wurden plötzlich Gelder verteilt, die Jungs haben dies bekommen, das bekommen… die liefen rum wie die Nationalmannschaft. Das ist für den Moment als einmaliges Erlebnis sicherlich machbar. Aber wenn du hier permanent so arbeiten würdest, könntest du da gar nicht mithalten. Ich behaupte: Es ist heute noch so, dass jeder Spieler, der sich nicht nur für den Moment, sondern zukunftsorientiert aufstellen und beste Bedingungen vorfinden möchte, bei der Eintracht nach wie vor exzellent aufgehoben ist. Aber es ist hier eben manchmal auch etwas schwerer, weil mindestens vier Mal die Woche trainiert wird, das ist anderswo nicht der Fall. Talente, die beim HSV oder St. Pauli durchgefallen sind, gehen dann vielleicht auch lieber woanders hin, weil sie da nur drei Mal die Woche trainieren müssen.“

EN: „Wenn man mit 30+ eine ruhige Kugel schieben will und lieber irgendwo spielt, wo man weniger trainiert und trotzdem gutes Geld bekommt, okay. Aber als Jugendspieler? Habe ich da nicht den Anspruch, möglichst viel zu trainieren, um möglichst weit zu kommen?“

EB: „Den Gedanken gibt es leider auch im Jugendbereich schon. Wenn die Menschen da anders wären, würden sie alle Profis werden. Wir haben einige hier gehabt von denen ich dachte, dass die das Potenzial haben, um es im Fußball weit zu bringen. Aber da war dann die Birne weich, die Einstellung hat nicht gestimmt, die Interessen waren plötzlich andere. Aber du hast Recht, wenn einer wirklich weiterkommen will, sollte er möglichst viel Training mitnehmen. Und dann ist er bei uns Bestens aufgehoben.“

EN: „Gab es denn bei uns im Jugendbereich Spieler, wo man gleich gesehen hat, dass aus denen was wird und aus dem ist dann auch was geworden?“

EB: „Wir haben im Jugendbereich immer wieder gute und sehr gute Spieler an den HSV und St. Pauli abgegeben, wobei das ja nicht automatisch heißt, dass die nachher auch Profi werden. Levan Öztunali war natürlich eine absolute Ausnahme. Mats Köhlert zum Beispiel, der wird es bestimmt in den Profi-Bereich schaffen, da bin ich mir sicher. Der hat hier seine Kindheit verlebt und ist auf einem sehr guten Weg. Sein Vater Dirk „Mini“ Köhlert (Anm.: spielte für Holstein Kiel und den 1.SC Norderstedt in der damals drittklassigen Regionalliga) war hier ja auch einige Zeit Jugendtrainer. Das ist natürlich ein absoluter Glücksfall, einen solchen Mann als Jugendtrainer zu finden, der dann auch Bock hat, einen jungen Jahrgang zu machen. Leute, die wir alle kennen, sind Juri Marxen oder Hamajak „Hamo“ Bojadgian, um nur zwei zu nennen.“

EN: „Es gehen ja auch fast jedes Jahr Spieler aus dem Jugendbereich hoch in die Regionalliga-Mannschaft.“

EB: „Wir haben in der Oberliga unter Thomas Seeliger eine Situation gehabt, wo aus Verletzungsgründen im Winter schon 3, 4 Leute in den Liga-Kader hochgezogen wurden. Das hat uns einen möglichen Aufstieg gekostet, weil wir auf Platz 2 überwintert haben, beste Aussichten hatten und dann die besten Spieler hochgeben mussten. Aber unterm Strich ist die Durchlässigkeit aus dem Jugendbereich nach oben natürlich nur positiv. Das ist für die jungen Talente ein großer Ansporn.“

EN: „Wie groß ist die Umstellung vom Jugendbereich in den Herrenbereich einzuschätzen?“

EB: „Sehr groß. Du kommst aus einem Umfeld, in dem du Leistungsträger bist, und weißt, dass du oben erstmal wieder einen Schlag reinhauen musst und es vielleicht nicht gleich was wird. Dann vergeht ein halbes Jahr. Dann vergeht ein Jahr. Und irgendwann, wenn du da nicht wirklich immer dranbleibst und in jeder Trainingseinheit Vollgas gibst und dich hängen lässt, bist du ganz raus. Das ist nicht leicht, da musst du schon einen starken Willen und eine Top-Einstellung haben, um eine solche Situation zu meistern und dich selbst immer wieder aus deinem emotionalen Tief zu holen und zu motivieren.“

EN: „Wer sind, abgesehen vom HSV und St. Pauli, die größten Konkurrenten im Jugendbereich?“

EB: „Aktuell muss man zugestehen, dass Niendorf im Jugendbereich besser da steht als wir. Ich weiß aber auch, dass Andreas Prohn (Anm.: Trainer der U19-Bundesliga-Mannschaft vom Niendorfer TSV) diese hohen Spielklassen für Niendorf erkämpft hat. Denn ist er von der C-Jugend an, als er hier weggegangen ist, mit der Truppe durch alle Altersklassen gegangen, hat sich immer die hohen Spielklassen erkämpft und hat es oft geschafft, diese Spielklassen auch zu halten. B- und C-Jugend spielen Regionalliga, A-Jugend Bundesliga. Chapeau, das ist aller Ehren wert.“

EN: „Gibt es im Jugendbereich bei uns Leute, wo man sagen könnte, dass die, wenn sie dranbleiben, Regionalliga oder mehr erreichen können?“

EB: „Natürlich hast du immer mal ein paar dabei, die wirklich gute Ansätze haben. Aber es ist eine brutal schwere Zeit. Man darf ja nicht vergessen: Die Spieler sind alle auf einem Gymnasium oder einer Ganztagsschule und haben bis etwa 16 Uhr Unterricht. Dann kommen die hierher zum Training und bis die dann zuhause sind… wir haben ja auch Spieler, die heftige Anfahrtswege auf sich nehmen, um hier Fußball spielen zu können. Da muss man sehr vorsichtig sein, weil es sehr unterschiedlich ist, wie junge Menschen durch eine solche Phase kommen, wo sie wirklich extrem belastet werden und nicht immer gleich die Belohnung dafür bekommen.“

EN: „Du hast vorhin beim Thema Aufstiegsregelung gesagt, dass man in der A-Jugend zu wenig Spieler hat. Verliert man in dem Alter viele Spieler?“

EB: „Ja, gerade durch die Extrem-Belastung mit der Schule hören viele auf, wenn der Erfolg ausbleibt. Wenn jeder nachdem er Männchen macht, einen Bonbon bekommt, hat er gleich die positive Bestätigung. Die gibt es bei uns nicht. Es kann auch mal sein, dass einen Verletzungen oder Formkrisen zurückwerfen. Oder du reißt dir den Arsch auf, es reicht aber nicht und du sitzt nur auf der Bank oder landest nicht mal im Kader. Da kann es sehr schnell auch mal passieren, dass du in einen Negativstrudel kommst. Wir verlieren in Deutschland in der B-Jugend, also mit 16/17 Jahren 80% der Fußballer.“

EN: „Autsch, das ist mal eine Hausnummer. Kein Wunder, dass sich immer häufiger Vereine zu Jugendfördervereinen zusammenschließen.“

 EB: „In den Ballungsräumen ist das immer noch okay, aber Bremerhaven zum Beispiel… die können keine A-Jugend mehr aufbieten und tun sich dann mit zwei, drei anderen Vereinen zusammen, um so noch leistungsfähige Mannschaften zusammen zu bekommen.“

EN: „Ist sowas wir ein Jugendförderverein für Norderstedt auch mal eine Option oder macht das aktuell keinen Sinn, weil der Zulauf noch stark genug ist?“

EB: „Nee, das möchte ich eigentlich nicht. Wir sind stolz auf das, was wir hier machen. Was der Verein uns Trainern im Jugendbereich bietet ist traumhaft, dass darf man nicht vergessen. Wir dürfen hier auf drei tollen Kunstrasenplätzen trainieren. Unser Platzwart Olli ist top ausgestattet mit Schneefräse etc.. Wann fällt im Winter mal ein Training aus? Nur, wenn das Wetter wirklich extrem ist. Aber irgendein Platz ist immer frei, so dass die Leistungsmannschaften immer die Möglichkeit haben zu trainieren. Wenn im Winter zwei oder drei Trainingseinheiten ausfallen, ist das schon viel. Es ist schon was Besonderes, als Trainer hier arbeiten zu dürfen. Natürlich wäre das mit den entsprechenden sportlichen Erfolgen noch einen Tick geiler.“

EN: „Stichwort sportlicher Erfolg: Unsere U19 spielte letzte Saison um den Aufstieg mit, dieses Jahr sind die Jungs mittlerweile sogar in Abstiegsgefahr. Was ist da los?“

EB: „Das ist wirklich schwierig momentan. Vielleicht ist da auch der ein oder andere Fehler in der Zusammenstellung der Truppe passiert. Fakt ist, dass wir viel Arbeit und Mühe investieren müssen, um ungeschoren durch diese Saison zukommen. Es ist manchmal verrückt. Du bist Fußballer, weil du dich den ganzen Tag mit Fußball beschäftigst. Manchmal hast du einfach einen positiven Lauf, da kann das Training noch so schlecht sein, du gewinnst einfach immer. Und manchmal kommst du in einen Negativstrudel und dann ist es egal, wie gut das Training ist, du verlierst. Gegen den Tabellendritten TSV Havelse vor drei Wochen hat unsere U19 in drei Minuten drei Tore kassiert und 2:5 verloren, hatte das Spiel aber phasenweise wirklich gut im Griff. Wir haben nicht nur gut dagegengehalten, sondern haben auch gut eröffnet und wenn wir selbst flach über die Linien gespielt haben, uns sogar einige gefährliche Torchancen herausgearbeitet. Dann kriegst du einen umstrittenen Elfmeter gegen dich, dann machen wir zwei Abwehrfehler und werden brutal bestraft, obwohl du nach einem 0:2 zurückgekommen bist und ausgeglichen hast. Wir haben auch in Meppen nicht schlecht gespielt und haben, wenn man das so sagen darf, unglücklich verloren. Wobei ich ungerne von „unglücklich verloren“ spreche. Verloren ist verloren. Die Mannschaft hat mehr drauf, als sie zuletzt gezeigt hat.“

EN: „Wie bekommt ihr die Jungs wieder in die Spur?“

EB: „Wir müssen einen Weg finden, die Mannschaft neu zu fokussieren und zusehen, dass sie über 90 Minuten konzentriert arbeitet. Man hat nicht den Eindruck, dass in der Mannschaft kein Spirit ist, aber diese individuellen Fehler hast du im Jugendbereich manchmal. Manchmal machen die Jungs Sachen, von denen sie selber nicht wissen, was sie da machen. Video ist echt megageil. Oft stehen sie da und sagen „ich habe alles richtiggemacht“ und der Trainer sagt „nee, hast du nicht.“ „Doch Trainer, habe ich.“ Dann zeigst du dem das Video und der Spieler sagt „Hä? So habe ich mich bewegt? Das habe ich ganz anders wahrgenommen.“ Wir müssen zusehen, dass wir zur Winterpause noch ein paar Punkte einheimsen und dann können wir uns im Winter in Ruhe neu sortieren. Wir haben den einen oder anderen, der nach der Winterpause nach Verletzung zurückkehrt, wo Trainer Thomas Bohlen sich einiges von erhofft.“

EN: „Das Saisonziel mit der U19 ist also der Klassenerhalt?“

EB: „Ich denke es wäre albern, etwas Anderes zu sagen. Wir stehen momentan mit dem Rücken zur Wand und wollen unbedingt die Liga halten.“

EN: „Wie sieht es bei den anderen Leistungsmannschaften aus?“

EB: „Wir wollen mit der U14 und der U16 um den Aufstieg mitspielen, um in der Rückrunde in der Oberliga zu spielen. Die U16 teilt sich aktuell mit Paloma und Niendorf den ersten Platz, das ist eine ganz enge Nummer.“

EN: „Der ganze Job ist ja – gerade wenn man gleichzeitig Jugendleiter und Trainer ist – extrem zeitintensiv. Was motiviert dich, so viel Zeit zu investieren?“

EB: „Es macht unheimlich viel Spaß in einem Umfeld zu arbeiten, wo sich alles auf Fußball konzentriert. Ich habe es ja auch anders erlebt, wo man sich mit anderen Sportarten im Verein auseinandersetzen muss. Oder Bekannte in Niendorf berichten, dass da eben vieles nicht geht, weil andere Sparten auch ihre Ansprüche haben. Hier ist Fußball. Und von Reenald Koch bis Horst Plambeck, von der Liga bis in den Jugendbereich schlagen hier nur Fußballherzen. Und wenn du leitungsorientiert arbeiten willst, findest du hier eben alles vor, was du brauchst. Du kannst wunschlos glücklich sein. Es ist definitiv der Spaß an der Sache und der Situation hier.“

EN: „Hast du früher auch mal selbst gespielt?“

EB: „Ja, in der Jugend habe ich in Lübeck gespielt. Ich hatte allerdings in sehr jungem Alter schon eine Knieverletzung, so dass ich im Herrenbereich nie wirklich zu Potte gekommen bin. Bei den Senioren habe ich dann wieder ein bisschen gekickt, aber meine aktive Karriere war überschaubar und nicht sehr erfolgreich.“ (lacht)

EN: „Ist das ein Nachteil?“

EB: „Es schadet sicherlich nicht, wenn man selbst aktiv gespielt hat. Aber es gibt auch viele gute Trainer, die selbst vielleicht nur im Hobbybereich gekickt haben. Es hängt ja auch viel an anderen Faktoren wie der allgemeine Denke, der Art und Weise wie du Sachen anpackst und umsetzt. Die Tatsache, dass ich mit Dirk Heyne sehr lange und sehr gut zusammen gearbeitet habe zeigt ja auch, dass wir trotz der sportlichen Welten, die zwischen uns liegen, sehr ähnlich getickt haben.“

EN: „Wie viele Spiele guckst du dir in der Woche an?“

EB: „Das ist schwer zu sagen, Es gibt natürlich auch mal Wochenenden, an dem ich mit dem Hintern zuhause bleibe. Aber im Regelfall ist es so, dass ich jede Woche versuche, mir die hohen Hamburger Ligen anzugucken. Also noch nicht mal unsere eigenen Spiele. Ich arbeite aktuell im Einzelhandel, 40-Stunden-Woche, da musst du eben auch oft samstags arbeiten und kannst dann nicht so viel sehen, wie du vielleicht gerne würdest. Das stört mich ein bisschen, da ist man schon sehr eingeschränkt. Aber das ist halt so, dafür sind wir eben im Amateur Fußball.“

EN: „Und dann guckst du aber vorrangig Jugendbereich, oder?“

EB: „Ja, natürlich. Wenn ich Zeit habe gucke ich natürlich auch gerne bei unserer Regio-Mannschaft rein,  da spielen ja viele meiner ehemaligen Spieler. Ich habe auch seit vielen Jahren ein sehr gutes Verhältnis zu Siedo (Anm.: Co-Trainer Stefan Siedschlag) und Dirk Heyne. Aber wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich eher ein Spiel unserer Jugend gucken, weil das eben auch ein Teil meiner Aufgabe ist.“

EN: „Wie stellt man im Jugendbereich die Mannschaften zusammen, wenn man mal nicht davon ausgeht, dass die Teams ausschließlich aus dem jüngeren Jahrgang aufgefüllt werden?“

EB: „Am schönsten ist natürlich, wenn man selber in den höchsten Ligen spielt, dann kannst du aus dem eigenen Verein auch am meisten schöpfen. Das ist das Problem, was unser A-Jugend-Ekkehard Bushe01_600x800Trainer Thomas Bohlen dieses Jahr mit der U19 hat. Unsere U17 war aus der Regionalliga abgestiegen und hat letztes Jahr Oberliga gespielt. Die Jungs, die aus der U17 hochgekommen sind, hatten daher nicht die Klasse und das Niveau, um der U19 in der Regionalliga zu helfen. Da war er gezwungen, viel zusammen zu würfeln. Zum einen machen wir häufig Sichtungstrainings. Zum anderen sind wir aber natürlich auch sehr viel im Hamburger Bereich unterwegs, man kennt sich und läuft sich über den Weg, da ergibt sich natürlich auch das ein oder andere. Dann holst du vermeintliche Talente aus anderen Vereinen, aber die haben lange nicht die taktische Ausbildung und körperlichen Voraussetzungen, die unsere eigenen Spieler haben. Hier muss ein Athletik-Trainer erst einmal ein halbes Jahr mit denen arbeiten, bis sie den Beanspruchungen hier überhaupt standhalten können. Vier Mal die Woche auf Kunstrasen trainieren ist eine extreme Belastung für den Körper.“

EN: „Athletik-Trainer im Jugendverein bei einem Amateur-Club?“

EB: „Ich habe damals bei mir in der jungen B-Jugend mit Axel Bösselmann, dem Bruder von Olaf Bösselmann, angefangen, Athletiktraining im Jugendbereich einzuführen. Das ist die Zeit, wo aus den schlanken Kerlen Männer werden und sie Gewicht zunehmen, nur kommt der Muskelaufbau da oftmals nicht mit. Und trotzdem wollen sie ihre tollen Schuhe tragen. Das heißt, die haben nicht immer eine Kunstrasensohle, sondern auch mal eine, die nicht gut für den Kunstrasen ist. Da konntest du richtig sehen, wie ihnen bing-bing-bing die Bänder wegflogen. Einfach, weil dieser gesamte Muskelapparat auf einmal nicht 40, 45 kg beim Laufen abbremsen musste, sondern 60 oder 65 kg. Daher haben wir präventiv auch in dem Alter schon Athletiktraining gemacht, um die Grundstabilität des Körpers zu verbessern. Damit konnten wir dann auch deutlich Erfolge verzeichnen, unsere Spieler waren fitter und die Verletzungsrate ging deutlich runter.

EN: „Also noch ein weiterer Grund, mit allen Jugendmannschaft höherklassig zu spielen?“

EB: „Definitiv, dass macht das Leben deutlich einfacher. Wenn du dich in der C-Jugend in der Regionalliga etabliert hast, hast du in der D-Jugend schon einen starken Zulauf, dass du da entspannt aussuchen kannst. Wenn du mit der C-Jugend nicht hoch spielst, gehen genau diese Spieler – wobei das noch nicht mal die Kinder sind, sondern die Eltern – eben zu Vereinen wo hoch gespielt wird und versuchen, ihre Kinder dort unterzubringen. Gut für die, die davon partizipieren können. Schlecht für alle anderen, die es in dem Moment nicht können, weil da wirklich häufig jegliche Vernunft aussetzt.“

EN: „Hast du dafür Beispiele?“

EB: „Teilweise haben die Spieler wirklich irre Anfahrtswege. Ich habe einen Spieler gehabt, der aus Zarrenthin gekommen ist. Der Junge war erst beim HSV, hat es dort nicht geschafft. Ging dann zu Pauli, hat es nicht geschafft. Und kam dann zu uns, wo er Regionalliga gespielt hat. Da war er gut. Nicht der Burner, aber gut. Mitte der zweiten Saison ist er dann aber zu Eintracht Schwerin gewechselt.“

EN: „Also zurück in die Heimat.“

EB: „Ja. Ich habe viel mit dem Vater gesprochen. Ich habe ihm gesagt, dass wir den Jungen gerne behalten hätten, aber es hat keinen Sinn gemacht. Damit tust du ihm keinen Gefallen.“

EN: „Seit Oktober 2017 bist du zusätzlich im Präsidium. Hat sich dadurch für dich irgendetwas verändert?“

EB: „Für mich selbst hat sich nichts geändert. Mein Job ist derselbe wie vorher. Und ich habe auch vorher schon ans den Präsidiumssitzungen teilgenommen. Dass man das jetzt in die Vereinsstruktur aufnimmt, stellt aber natürlich noch einmal den Wert der Jugendarbeit heraus.“

EN: „Wenn du am Jugendfußball irgendwas ändern könntest, was wäre das? Zum Beispiel Eltern aussperren oder sowas…“

EB: „Ja, das wäre manchmal ein wirklich guter Ansatz.“ (lacht) „Auch wenn es nicht direkt mit Fußball zu tun hat: ich würde mir wünschen, dass wir aus diesem G12-Wahn rauskommen. Dass wir den Schülern wieder ein bisschen mehr Zeit geben. Wenn die bis nachmittags in die Schule gehen, sind die gestresst. Gebt den Kindern etwas mehr Freizeit, damit die überhaupt noch Zeit für Sport haben. Damit meine ich noch nicht einmal uns im Leistungsbereich. Die Jungs, die hierherkommen, träumen noch etwas vom Profi Fußball und haben eine andere Motivation. Aber ganz besonders für den Breitensport, der für uns alle ja genauso wichtig ist. Das wäre etwas, dass ich mir wünschen würde.“

EN: „Und für deine Jugendmannschaften?“

EB: „Ich würde gerne mit allen Mannschaften die höchstmöglichen Spielklassen erreichen. Und für uns wäre es natürlich schön, wenn wir aus der Wirtschaft ein bisschen mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung für die Kleinen bekommen können, um uns hier und da noch verbessern zu können. Aber auch da ist es ja so, dass wir hier bei Eintracht Norderstedt auf einem hohen Niveau jammern. Da sind teilweise Jungs aus einem Leistungszentrum gekommen und haben große Augen gemacht, was sie hier vorfinden. Kraftraum, Physiotherapeut und Athletik-Trainer für die Jugendabteilung, das sind schon sehr viele Sachen, die du bei anderen Vereinen nicht vorfindest.“

EN: „Wenn du einen Wunsch für den Gesamtverein Eintracht Norderstedt hättest, was wäre das?“

EB: „Natürlich wäre es schon ein Wunsch, dass wir die Möglichkeit bekommen, uns mit der Herrenmannschaft für die 3. Liga zu empfehlen, das wäre schon extrem. Man muss aber auch ehrlich sagen, dass das finanziell ein extrem weiter Weg ist. Ich bin sehr gut mit Bernd Hollerbach befreundet und weiß, was der auf die Beine stellen musste, um es in Würzburg zu schaffen. Der hat sich brutal viel engagiert, die Firmengruppe seiner Eltern hat da viel Sponsoring gemacht und mit seinem Namen hat er auch viele Gelder ran geholt. Der hatte nachher ein Budget von je 1,2 Mio. Euro für die ersten drei Jahre in der Bayernliga. Eddy Münch macht für uns ja schon einen extrem guten Job was das Beschaffen von Geldern angeht. Aber das muss man dann nochmal vervierfachen oder sogar verfünffachen, um in der Regionalliga gut mitzuspielen und in den Aufstiegsspielen genug Durchschlagskraft zu haben. Dann ist das alles schon mehr Traum als Ziel… zumal Hamburg ein schwieriges Pflaster ist, da sind HSV und St. Pauli natürlich Platzhirsche, was Medienpräsenz angeht. Da bräuchten wir jemanden, der den Verein liebt und sagt „das ist toll was die machen, lass uns das mal unterstützen.“

EN: „Gibt es nicht irgendjemanden mit Namen, der Connections hat, den man so ein bisschen vorschicken kann wie Bernd Hollerbach in Würzburg? Hat Olli Geißen nicht mal hier gespielt?“

EB: „Ja.“ (lacht) „Aber du bleibst in der Konkurrenz zu HSV und St. Pauli. Am Ende des Tages möchtest du für deine Kohle den besten Gegenwert haben. Wärest du bereit für eine Portion Pommes 30 Euro zu zahlen, nur weil es ein Kumpel von dir ist? Sicherlich auch nur einmal, wenn überhaupt. Das sieht man ja auch am Zuschauerschnitt. Guck dir an was im Osten oder Westen los ist. Die haben da teilweise einen Zuschauerschnitt von 2.500 – 3.000. Was könnten wir machen mit einem Zuschauerschnitt von 3.000?“

EN: „Da käme die 3. Liga auf jeden Fall einen großen Schritt näher…“

EB: „Ein gewaltiger Schritt, oder? Es ist einfach ganz schwer, die Leute hier am Wochenende nochmal vom Sofa zu locken. Die können sich St. Pauli angucken, die können sich den HSV angucken und dann am Wochenende auch noch Norderstedt… das ist wirklich schwierig. So gerne man träumt und den Erfolg hätte, das sind die Gegebenheiten, mit denen wir uns arrangieren müssen.“

EN: „Vielen Dank für das Gespräch und den spannenden Blick in die Jugendarbeit.“