Herren

Mentalitätsmonster brechen Bremen-Fluch

Statistiken? Ab in die Tonne damit! Noch nie konnten wir gegen Bremen gewinnen. Noch nie haben wir in Bremen überhaupt irgendetwas geholt. Bremen gewann zuletzt vier Mal in Folge, wir verloren zwei Mal hintereinander. Vier von fünf Innenverteidigern nicht einsatzbereit, Stammspieler wie Jan Lüneburg, Rico Bork und Kapitän Jordan Brown angeschlagen auf der Bank. Seien wir mal ehrlich: Kaum einer hätte heute auf unsere Jungs gewettet. Ein Unentschieden vielleicht, wenn es gut läuft.

Dann zeigst du eine ordentliche Leistung und kassierst in der 45. Minute das 0:1, als alle gedanklich schon mit einem 0:0 in der Pause waren. Nicht wenige, Spieler wie Zuschauer dürften sich gedacht haben: „Nicht schon wieder.“ Schließlich kennen wir uns mit Gegentoren kurz vor der Pause und kurz vor Schluss Bestens aus. Und 60 Minuten später ist alles ganz, ganz anders. Herrlich verrückter Fußball.

Jens Martens und Olufemi Smith sind aktuell nicht zu beneiden. Nicht nur, dass es viele personelle Ausfälle gibt, sind diese auch noch verstärkt in der zentralen Defensive zu finden. So machte man aus der Not eine Tugend und funktionierte den spielstarke Sechser Evans Nyarko kurzerhand zum Innenverteidiger um. Um es vorweg zu nehmen: Das funktionierte ganz hervorragend. Mit seiner Erfahrung und Ruhe am Ball verlieh Nyarko unserer Defensive Stabilität, Hamajak Bojadgian neben ihm zeigte ebenfalls eine ganz starke und aufmerksame Leistung und war fast immer einen Schritt vor den Bremern am Ball. Einen gefährlichen Fehlpass hatte Hamo drin – den er umgehend selbst wieder ausbügelte.

Eine Viertelstunde brauchte unsere Elf, um sich auf die Gegebenheiten einzustellen. Bremen hatte zwar optisch mehr vom Spiel, konnte sich aber gegen unsere Defensive aber nur wenig Erwähnenswertes herausarbeiten – der Strafraum war Sperrzone. Nicht überraschend also, dass zwei von drei Bremer Torchancen Distanzschüsse waren. Lars Huxsohl lenkte einen Schuß von Gruev über die Latte (14.), Philipps Abschluß ging an den Außenpfosten (20.). Nach 25 Minuten gab es große Diskussionen: Der bereits früh gelb verwarnte Philipp Koch kam im Mittelfeld gegen Gruev zu spät und legte den Bremer. Schiedsrichter Timo Daniel drückte ein Auge zu und beließ es bei einer Ermahnung mit dem wohlwissenden Hinweis, dass sich Kocher nichts mehr erlauben dürfe. Um in unserer angespannten Personalsituation kein Risiko einzugehen, reagierte unser Trainerteam und brachte den etatmäßigen Kapitän Jordan Brown, der eigentlich geschont werden sollte, für Koch (33.). Kurz vorher hätte Koch beinahe noch die Führung bejubeln können. Der sehr fleißig Johann von Knebel spielte im Strafraum Michael Kobert an, der jedoch in Rücklage geriet und den Ball aus vielversprechender Position in die Wolken schoß (27.). „Da muss er eigentlich nur die Innenseite nehmen und den Ball reinschieben“, trauerte Jens Martens der vergebenen Chancen hinterher. Doch nun waren wir in der Partie drin – und mussten kurz vor der Pause die kalte Dusche hinehmen: Badjie leitete ein Zuspiel von Rorig direkt auf Luc Ihorst, der am vergangenen Wochenende sein Bundesliga-Debüt feierte, weiter, der plötzlich frei vorm Tor steht und den Ball links unten an Lars Huxsohl zum 1:0 vorbei schob.

Wer jetzt aber das HSV-Spiel vor Augen hatten, wo man kurz vor und kurz nach der Pause zwei Gegentore kassierte, lag völlig falsch. Hochmotiviert und mit viel Schwung kamen unsere Jungs aus der Pause und ließen die Bremer kaum in Tornähe kommen. „Wir haben eine sehr positive und konstruktive Pausenansprache gehabt“, grinste der Trainer nach der Partie. „Wir haben die Jungs an ihre Qualitäten einnert und auf den Spielverlauf verwiesen, wir sind ja immer besser ins Spiel gekommen. Und heute haben wir uns endlich mal belohnt.“ Eine Freistoßflanke von Nick Brisevac verfehlte zunächst noch ihr Ziel (47.), der agile Michael Kobert dribbelte sich die Grundlinie entlang, konnte den Ball aber aus spitzem Winkel nicht mehr gefährlich vors Tor bringen (49.). Und dann kam der große Auftritt von Lennart Keßner, der bis dahin gegen Louis Poznanski einen ganz schweren Stand hatte. Zunächst setzte sich Johann von Knebel auf dem linken Flügel stark gegen drei Bremer durch, blieb dann aber am vierten hängen. Symptomatisch für seine aufsteigende Formkurve: von Knebel ließ sich das nicht bieten, setzte nach, eroberte den Ball zurück und leitete ihn weiter auf Keßner, der in Richtung Mitte zog und einfach mal drauf hielt. Der Ball wurde lang und länger und landete unhaltbar im Winkel des Bremer Tores (53.). „Ein Traumtor. Und ein Brustlöser“, stellt Martens nach der Partie fest. Denn plötzlich merkten wir, dass Bremen nicht unschlagbar ist, dass hier heute was drin ist. Vier Minuten später ging es wieder über die linke Offensivbahn. Dieses Mal war es Nathaniel Amamoo, der den Ball von der Grundlinie auf Nick Brisevac zurück legte. Brise ließ Gruev aussteigen, fand die Lücke und traf mit links in die kurze Ecke (57.) – Spiel gedreht! Nun hatten unsere Jungs richtig Bock. Evans Nyarko hielt aus knapp 30 Metern mal drauf – und schon wieder zappelte die Kugel flach unten links im Netz! Was für ein Geschoß, dass Ev gebührend mit einem Flickflack feierte (67.).

Doch noch war hier nicht Feierabend. Bremen gab sich noch nicht auf und wollte mit frischem Blut gegen die drohende Niederlage ankämpfen. Allen voran Bennet van den Berg sorgte für ordentlich Alarm, fand aber gleich zwei Mal in Lars Huxsohl seinen Meister (73.). Nur 60 Sekunden vorher hatte Ihorst den Anschluss auf dem Fuß, als er sich rustikal gegen Bojadgian durchsetzte, das Tor aber um Zentimeter verfehlte. Auf der anderen Seite gab es gleich zwei Elfmeter-würdige Szenen- gegen Johann von Knebel und Nathaniel Amamoo – wo der Schiedsrichter allerdings in beiden Fällen weiterlaufen ließ.

Als die Nachspielzeit bereits angebrochen war, zimmerte erneut van den Berg das Leder noch einmal an den Außenpfosten. Dann war Feierabend und die Überraschung perfekt: Mit einem 3:1-Sieg fahren wir aus Bremen nach Hause. „Wenn du so ein Spiel gewinnst, kann dir das gerade mit den vielen jungen Spielern einen echten Schub geben“, freute sich unser Trainer über den unerwartete Dreier.

Unsere Mannschaft:
Huxsohl – Kummerfeld, Bojadgian, Nyarko, Marxen – Koch (c) (33. Brown) – Amamoo, von Knebel, Brisevac, Keßner (71. Bork) – Kobert (87. Brüning)

Tore:
1:0 Luc Ihorst (45.)
1:1 Lennart Keßner (53.; Vorlage: Johann von Knebel)
1:2 Nick Brisevac (57.; Vorlage: Nathaniel Amamoo)
1:3 Evans Nyarko (67.)

Gelb: Koch (3), Brisevac (1)

Zuschauer: 285

Weiter geht es für uns am 3. Oktober im Lotto-Pokal beim SC Teutonia 10 in Altona (nicht zu verwechseln mit dem benachbarten FC Teutonia 05), am 6. Oktober sind wir dann in der Liga zu Gast beim TSV Havelse, ehe sich am 13.10. der VfB Lübeck im Edmund-Plambeck-Stadion die Ehre gibt.