Herren

Geiles Spiel, geiler Sieg!

Mit einer überragenden, leidenschaftlichen Mannschaftsleistung drehte unsere Elf einen zweimaligen Rückstand im „Auswärtsspiel“ beim FC St. Pauli und belohnte sich nach einer richtig starken zweiten Halbzeit mit einem 3:2-Auswärtssieg. Trainer Jens Martens war noch auf der Pressekonferenz nach dem Spiel völlig euphorisiert („Ich bin noch völlig aufgeregt, ich muss erstmal runter fahren“), lobte den „sauberen Charakter“ seiner Mannschaft und hob mit Dane Kummerfeld und Hamajak Bojadgian zwei Spieler hervor, die gar nicht dabei waren. „Ich habe an die Eigenverantwortung der Spieler apelliert und jeden Spieler aufgefordert, an seine körperlichen Grenzen zu gehen und uns rechtzeitig Bescheid zu sagen, wenn es nicht mehr geht. Ich habe den Spielern gesagt, dass wir nur noch drei Spiele plus eventuell Relegation haben. Wer sich jetzt einen Muskelfaserriss oder eine Zerrung zuzieht, macht diese Saison kein Spiel mehr. Wir waren uns bis heute morgen noch nicht sicher, welche 18 Spieler wir aufbieten. Wir haben Hamo (Anm.: Hamajak Bojadgian) vorher laufen geschickt. Er kam danach wieder rein und sagte, er sei nicht bei 100%. Dane Kummerfeld schrieb mir gestern abend, dass er nicht glaubt, dass er 90 Minuten marschieren kann. Ansonsten hätte Dane von Anfang an gespielt, never change a winning team. Das finde ich einen ganz großartigen Charakter.“

Charakter zeigte auf dem Platz auch Vico Meien, dem nach gerade einmal vier Minuten ein folgenschwerer Schnitzer passierte. Bei einem Rückpass auf Keeper Höcker übersah er schlichtweg St. Paulis Stürmer Jan-Marc Schneider, der in den Ball sprintete, alleine aufs Tor zuging und Keeper Johannes Höcker vom Elfmeterpunkt aus zur frühen Führung bezwingen konnte (5.). Unser Youngster ließ sich von dem Fauxpas jedoch nicht aus der Ruhe bringen und legte im zentralen Mittelfeld in der Folge eine tolle Partie hin. Generell waren wir in der Anfangsphase nicht wirklich im Spiel drin, St. Pauli hatte ein deutliches optisches Übergewicht. „Der erste Teil der ersten Halbzeit ging klar an St. Pauli, was wir dann auch noch mit einem Riesenfehler vor dem 0:1 belohnt haben. Dann hat sich die Mannschaft sehr, sehr gut ins Spiel rein gebissen“, zog Martens das Fazit unter die ersten 45 Minuten. Paul-Coach Joachim Philipowski sah es ähnlich. „Die ersten 25 Minuten hatten wir das Spiel komplett im Griff, der Gegner war harmlos, hat uns spielen lassen. Doch dann hatten wir eine Phase, wo wir den Gegner durch Nachlässigkeiten wie mangelnde Agressivität und mangelnde Laufbereitschaft immer weiter aufgebaut haben.“

Dadurch kamen wir zu ersten Chancen – nach einem Eckball von Koch kam Mandic auf Höhe des Sechzehners an den Ball, traf ihn aber nicht voll, so dass Svend Brodersen im Tor der Gastgeber keine Probleme hatte, den Ball abzufangen (22.). Kurz darauf initiierte Philipp Koch mit einem weiten Ball direkt in die Füße von Kubilay Büyükdemir den nächsten Angriff. Dessen Hereingabe ließ Vico Meien ungewollt zu Sinisa Veselinovic durch, der den Ball Meien in den Lauf spielte. Dessen Schuß aus spitzem Winkel fälschte Brodersen direkt in die Mitte vor die Füße von Johann von Knebel ab, der sich die Chance aus sechs Metern nicht nehmen ließ und zum Ausgleich traf (24.). Der Treffer ließ das Spiel etwas kippen, denn von nun an hatten wir das Zepter in der Hand und hätten fünf Minuten später sogar in Führung gehen können: Nils Brüning spielte Sinisa Veselinovic frei, der den Ball am 16-Meter-Raum aufnehmen konnte, mit zwei langen Schritten in den Strafraum eindrang, den Ball im Fallen aber nicht mehr an Brodersen vorbei bringen konnte (29.). Nachdem Juri Marxen auf der rechten Außenbahn energisch nachsetzte und Viet den Ball abluchste, spitzelte er ihn weiter zu Büyükdemir, der in den Strafraum eindrang, mit seinem Schuß allerdings um Zentimeter am Giebel vorbei zielte (39.). Mit dem Pausenpfiff konnte Höcker einen Freistoß von Bräuning parieren, so dass es mit einem Unentschieden in die Kabine ging.

„Wir wollten in der zweiten Halbzeit so weiterspielen, wie wir in der ersen Halbzeit aufgehört haben“, so Martens. „Das ist uns aber gar nicht gelungen.“ Denn der zweite Durchgang begann mit einer kalten Dusche. Jan-Marc Schneider passte den Ball genau in die Schnittstelle zwischen Marin Mandic und Marcus Coffie, wo Sirlord Conteh bereits lauerte. Mit Highspeed ging es in den Eintracht-Strafraum, wo er den Ball aus 14 Metern über den herausstürzenden Höcker zur erneuten St. Pauli-Führung ins Tor lupfte (50.). Nicht nur viele Zuschauer, die die letzten beiden Auftritte der Norderstedter Mannschaft vor Augen hatten, wo man in der ersten Hälfte eine gute Leistung zeigte, in der zweiten aber nicht mehr viel zustande bekam, hakten das Spiel wohl schon gedanklich ab. Auch Jens Martens war nach dem Gegentreffer skeptisch. „Da hatte ich schon im Hinterkopf, dass die zweite Halbzeit bislang nicht unsere starke Halbzeit war.“ Möglicherweise hatten das auch die Kiezkicker im Kopf, denn die überließen nach dem 2:1 völlig unserer Mannschaft das Feld. Denn: „Was die Mannschaft dann gebracht hat, war ganz, ganz großartig.“

Was in der Folge passierte, hätten wohl die kühnsten Optimisten so nicht erwartet. Einmal kurz, ganz kurz, durchatmen und dann ging die wilde Fahrt ab. Zunächst tanzte Büyükdemir auf dem Weg Richtung Strafraum drei St. Paulianer aus – mit seinem Schuß traf er allerdings nur Teamkollege Johann von Knebel (58.). Keine 60 Sekunden später „verlor“ von Knebel den Ball auf dem Weg Richtung Tor – direkt vor die Füße von Sinisa Veselinovic. Dessen Schuß aus 13 Meter fälschte Brian Koglin an die Latte ab (59.). Wiederum nur gut 60 Sekunden später ergrätschte sich Vico Meien gegen Lee ganz stark den Ball, stand sofort wieder auf und passte direkt in den Lauf von Nils Brüning, der mit einem Haken Bednarczyk abschüttelte, allerdings mit seinem Abschluß am aufmerksamen Brodersen scheiterte (60.). Das sah plötzlich alles richtig, richtig gut aus, die Kiezkicker kamen nicht mehr aus der eigenen Hälfte. Bis Christian Conteh den Spielverlauf beinahe auf den Kopf gestellt hätte. Veli Sulejmani spielte mit einem schönen Außenrist-Pass Sirlord Conteh frei, der sah, dass sein Bruder Christian am langen Pfosten völlig frei stand. Der nahm den Ball an, ließ noch Juri Marxen aussteigen – und ballerte das Leder an den Pfosten (64.). „Das war ein super Konter. Ich weiß nicht, was er wollte. Vielleicht den Pfosten kaputt schießen“, zeigte sich Philipkowski ratlos. „In dieser Position und aus dieser Distanz, musst du den Ball eigentlich nur präzise in die Ecke legen. Aber er ist ein junger Spieler und wird es nächstes Mal besser machen.“

Trainer Martens brachte in einem positionsgetreuen Wechsel Jordan Brown für Kubilay Büyükdemir (59.) und änderte dann die taktische Ausrichtung, indem er mit Jan Lüneburg einen zusätzlichen Stürmer brachte und für ihn Philipp Koch als einzigen Sechser opferte (67.). Und der Wechsel zeigte Wirkung, die pure Anwesenheit von Jan Lüneburg weckte offenbar in einem Spieler das Stürmer-Gen, den dafür keiner so richtig auf der Rechnung hatte: Innenverteidiger Marcus Coffie. Während der Eckball von Ronny Marcos noch verpuffte, bekam er den Ball noch ein zweites Mal vor die Füße und flankte in die Mitte. Dort hechtete Marcus Coffie in den Ball und traf aus elf Metern mit seinem sehenswerten Flugkopfball zum hochverdienten Ausgleich (69.). Damit hatte er Blut geleckt: Hoffmann köpfte eine Flanke aus dem Halbfeld von Ronny Marcos zwar aus der Gefahrenzone, allerdings direkt vor die Füße des aufgerückten Coffie. Der bewies viel Übersicht, legte den Ball quer auf Jordan Brown, der fünf Meter zentral vorm Tor drauf hielt und zur Führung traf (73.). Leider sind aller guten Dinge doch nicht immer drei, denn nach einem Marcos-Eckball kam Coffie zwar mit viel Wucht an den Ball, köpfte aber am Kasten vorbei (81.).

Den Schlußpunkt hätte Jan Lüneburg setzen können, der an der Mittellinie einem Hamburger den Ball abnahm und nur noch das Tor vor sich hatte. Mit ungeahnten Sprinterqualitäten unkurvte er auch noch Nick Otto, legte sich den Ball dabei aber zu weit vor, so dass Brodersen vor ihm an den Ball kam (85.). Als Schiedsrichter Schlüwe die faire Partie nach 90 Minuten abpfiff, brachen auf dem Platz alle Dämme, Mannschaft und Trainer lagen sich jubelnd in den Armen, denn sie wussten ob der Niederlage von Havelse und dem Spielstand in Egestorf-Langreder: Dieser Sieg kann der entscheidende Faktor zum Klassenerhalt werden. „Das war eine überragenden kämpferische Mannschaftsleistung, die Mannschaft hat sich von nichts umwerfen lassen. Ich bin total glücklich, dass wir dieses Spiel gewonnen haben. Das gibt uns den nächsten Kick“, sagte Martens nach dem Spiel. „Wenn ich sehe, dass wir jetzt zwei Spiele hintereinander gewonnen haben, dass wir wieder Tore geschossen haben, dann bin ich wirklich optimistisch in Bezug auf unsere Ziele.“ Das nächste Etappenziel ist am kommenden Sonntag das Edmund-Plambeck-Stadion, wo wir Hannover 96 (U23) empfangen werden.

Tore
1:0 Jan-Marc Schneider (5.)
1:1 Johann von Knebel (24., Vorlage: Vico Meien)
2:1 Sirlord Conteh (50.)
2:2 Marcus Coffie (69., Vorlage: Ronny Marcos)
2:3 Jordan Brown (72.; Vorlage: Marcus Coffie)

Unser Team
Höcker – Marcos, Mandic, Coffie, Marxen – Koch (c) (67. Lüneburg) – Brüning, Meien, von Knebel, Büyükdemir (59. Brown) – Veselinovic (74. Nyarko)

Gelbe Karten: keine

Zuschauer: 480